DIE SYMPTOME

Es gibt zurzeit kein Störungsbild in der Psychiatrie, das so widersprüchlich diskutiert wird, wie das des AD(H)S (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit/ ohne Hyperaktivität – auch von Aufmerksamkeitsdefizitstörung wird gesprochen). Früher hat man es nur in der hyperaktiven oder hyperkinetischen Form gekannt. Im Kindesalter stellt es das häufigste seelische Problem dar und Mediziner gehen davon aus, dass 5 – 7% der Kinder im Grundschulalter betroffen sind. Bisher hat man gedacht, dass sich die Störung im Jugend- bzw. Erwachsenenalter auswächst. Seit einigen Jahren zeigen viele Studien jedoch sehr deutlich, dass 30 – 50% der als Kind vom AD(H)S Betroffenen noch im Erwachsenenalter deutliche Anzeichen zeigen, die ihr Leben erheblich beinträchtigen oder zumindest beeinflussen. Die Symptome des AD(H)S im Jugendalter sind folgende:

  • Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen; Vergesslichkeit
  • Hyperaktivität und Hypoaktivität
  • Desorganisation und Chaos
  • Impulsivität, Stimmungslabilität und mangelnde Affektkontrolle (Störung der Steuerungsfähigkeit)
  • Schwierigkeiten mit Mitmenschen, in der Schule und am Arbeitsplatz
  • Schnelle Erschöpfbarkeit und Lustlosigkeit
  • Selbstzweifel

Diese Kernsymptome müssen nicht immer alle gemeinsam auftreten oder gleich stark ausgeprägt sein. Manchmal hat man mehr Aufmerksamkeitsprobleme, manchmal eher Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle und manchmal auch Organisationsprobleme.

Wir werden jetzt genauer auf die einzelnen Symptome eingehen. Wenn du dich angesprochen fühlst, kannst du die betreffenden Abschnitte unterstreichen und so für dich hervorheben, welche Probleme und Erfahrungen ganz speziell dich angehen.

 

AUFMERKSAMKEITS- UND KONZENTRATIONSSTÖRUNGEN ODER: DER HYPERFOKUS DES JÄGERS

Vielleicht kennst du das, dass du den Scheinwerfer deiner Aufmerksamkeit nicht lange auf etwas richten kannst. Der background012aScheinwerfer deiner Aufmerksamkeit ist – bildlich gesprochen – auf einem wackeligen Kugelgelenk montiert und bewegt sich bei der kleinsten Ablenkung in Richtung des neuen Reizes. Das führt bei dir zu einer enormen Ablenkbarkeit mit Vergesslichkeit, Sprunghaftigkeit und Zerstreutheit, die vielleicht schon früher Schulprobleme nach sich gezogen haben.

Quasi alles kann dich ablenken: das vorbeifahrende Auto, das Rascheln deines Banknachbarn, das Telefonläuten in einem anderen Raum. Das Typische dabei ist, dass du es meist gar nicht merkst, wenn ein im Grunde unwichtiger Reiz dich ablenkt und du dich daraufhin mit etwas ganbackground012z anderem beschäftigst, als du solltest. Und weil du so schnell auf andere Dinge anspringst, vergisst du viel und machst viele Flüchtigkeitsfehler. Vielleicht vertrödelst du auch Zeit, weil du bei all der Ablenkung dein ursprüngliches Ziel völlig aus den Augen verloren hast. Wenn du aber durch diesen Mangel an Aufmerksamkeit und Konzentration nicht bei der Sache bleibst, wirst du deine Möglichkeiten in dieser Sache mit Sicherheit nicht ausschöpfen.

Das Schlimme daran ist, dass andere Menschen – wie Lehrer oder vielleicht auch deine Eltern – dieses Verhalten so deuten, als hättest du keinen Bock oder kein Interesse. Häufig sind sie sauer und denken, dass du dich gar nicht anstrengst. Kein Wunder, dass du selbst frustiert und manches Mal ziemlich verzweifelt bist, wenn deine Anstrengungen von anderen nicht wahrgenommen werden! Tatsächlich ist es aber oft wirklich nicht leicht zu unterscheiden, ob jemand den Stoff nicht kann, weil er unaufmerksam ist, ob er einfach nicht den nötigen Grips im Kopf hat, den Stoff zu kapieren, oder ob er sich definitiv nicht anstrengen will.

Die allermeisten AD(H)S-ler machen daher leider negative schulische Erfahrungen und entwickeln so schon im frühen Jugendalter eine gehörige Portion Selbstzweifel. Häufig haben sie überhaupt keine Ahnung davon, welche Talente und Fähigkeiten in ihnen schlummern! Wird ihr AD(H)S also nicht erkannt, bleiben sie meistens weit unter ihren eigentlichen Möglichkeiten. Das ist sehr schade. Um so wichtiger ist es, dass du dich jetzt selbst mit diesem Thema beschäftigst – damit dir das nicht passiert!

Aber – um es noch etwas komplizierter zu machen – es gibt Situationen und Bereiche, in denen AD(H)S-ler sich sogar viel besser als andere Menschen konzentrieren können! Dies tritt dann ein, wenn sie von etwas gefesselt sind, das sie ganz besonders spannend finden. Wir nennen das Hyperfokussierung. Ist das nicht ein Widerspruch? Deinen Mitmenschen gibt es zumindest einige Rätsel auf.

Für diese besondere Art der Aufmerksamkeit gibt es eine sehr gut nachvollziehbare Erklärung. Thom Hartmann hat ein schönes Buch darüber gechrieben (Eine andere Art, die Welt zu sehen, s. Literatur. Seiner Meinung nach stammen heutige AD(H)S-Betroffene ursprünglich von den Jägern ab, die in der Steppe Afrikas lebten. Diese Jäger hatten völlig andere Lebensbedingungen als wir und waren dafür durch ihre „besondere Art zu sein“ bestens gerüstet.

Ein Jäger in der Savanne Afrikas lag oft tagelang auf der Lauer, um Antilopen zu jagen, oder er musste höllisch aufpassen, dass sich ihm nicht auf leisen Sohlen ein Löwe näherte. Die Welt war gefährlich, weil wilde Tiere ihn jederzeit angreifen konnten. So musste dieser Jäger seine Aufmerksamkeit überall haben. Er hörte einfach alles, auch den Grashalm, der hinter ihm geknickt wurde, denn dies konnte eine Antilope oder auch ein Löwe sein. Sein Gehirn wurde darauf programmiert, einfach alles wahrzunehmen. Wenn er eine Antilope ausgespäht hatte, dann musste er – seinem unmittelbaren Impuls folgend – sofort aufspringen und dieses Tier (oft tagelang!) sehr konzentriert jagen: hyperfokussiert eben. In dieser Zeit konnte er sich mit nichts anderem beschäftigen, sonst wäre ihm die Antilope entwischt. Damals, im unterbesiedelten Afrika, war diese Art der Wahrnehmung und die Art der spontanen Reaktionen ein klarer Überlebensvorteil.


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Heute aber, in unserer reizüberfluteten Welt, sind Reizoffenheit und die besonders feine Wahrnehmung von Sinneseindrücken oft eine Überforderung. Statt einzelner Antilopen oder Löwen gibt es nun eine Flut ständig wechselnder, meist völlig bedeutungsloser Sinneseindrücke und Ereignisse. Das AD(H)S-Gehirn, das nun mal alle Informationen ungefiltert auf nimmt, kann sie gar nicht mehr richtig einordnen und auswerten. Eigentlich will der AD(H)S-ler alle Antilopen jagen; also springt er von einer vermeintlichen Antilope zur nächsten, ohne auch nur eine einzige zu erbeuten bzw. eine Sache mit Erfolg abzuschließen. Vielleicht kommt dir ja diese Situation bekannt vor: Du sitzt in einer Kneipe und bekommst haarklein mit, was deine Nachbarn am anderen Tisch erzählen, obwohl das überhaupt nicht wichtig für dich ist…

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Das AD(H)S-Gehirn ist etwas Besonderes: Es hat andere Filter. Die lassen einfach so enorm viele Informationen auf die Gehirnfestplatte, dass es durchaus zu einer Art Datencrash kommen kann, weil sich all die aufgenommenen Informationen in deinem Gehirn nicht verarbeiten lassen. Dem AD(H)S-Gehirn fällt es deutlich schwerer zu entscheiden, welche Sinneseindrücke wirklich wichtig und welche unwichtig sind. Alle Eindrücke werden als gleich wichtig wahrgenommen und so weiß das Gehirn oft nicht, welchem Reiz oder Ereignis es sich zuerst zuwenden soll. Dadurch entsteht die enorme Ablenkbarkeit, die deinen Eltern und Lehrern möglicherweise eher auffällt als dir.

Wenn aber etwas als wirklich wichtig und fesselnd erkannt wird, dann entsteht das Jagdfieber. So wie damals bei der Antilope wird das Ziel wie durch ein Fernrohr (hyper-)fokussiert und nur noch das wird wahrgenom- men, was zum Erreichen des angestrebten Zieles notwendig ist. Daneben werden alle anderen Informationen, die außerhalb dieses Fernrohrblickes liegen, unwichtig: Sogar Wesentliches kann dann vernachlässigt werden, wenn es sich nicht direkt im Zielfernrohr befindet.

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Es gibt nun, wie die Klammer in der Abkürzung schon andeutet, zwei Arten des AD(H)S, wobei ein Mischtyp aus beiden im Jugend- und Erwachsenenalter am häufigsten ist. Das bedeutet, dass dann sowohl Symptome des hyperaktiven als auch des hypoaktiven Typs auftreten können. Was hinter dieser Unterscheidung steckt, wirst du auf den folgenden Seiten erfahren.

HYPERAKTIVITÄT – DIE MOTORISCH UNRUHIGEN HYPIES

Während besonders Kinder mit AD(H)S noch die klassischen Zappelphilippe sind, nicht still sitzen können, wild und ungestüm sind und sich nicht an Regeln halten können, zeigt sich dies später im Jugendalter weniger ausgeprägt und deutlich: Du hast gelernt, dich äußerlich besser zu beherrschen.

Manche AD(H)S-ler haben jedoch weiterhin diese innere Unruhe, ihr Getriebensein, dieses Gefühl, wie unter Strom zu stehen, und sie können es nicht abschalten. Geht es dir auch so, dass du häufig unter Strom stehst, nur schwer Ruhe und Entspannung finden kannst? Dass es dir nicht gut gelingt, über lange Zeit still zu sitzen und zu warten? Die Füße wippen, die Finger sind ständig in Bewegung und an irgendetwas muss immer herumgespielt werden – neben einem AD(H)S-ler wird man selbst manchmal ganz unruhig!

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HYPOAKTIVITÄT – DIE UNAUFMERKSAMEN, VERTRÄUMTEN HYPOS

Daneben gibt es noch eine zweite Form des AD(H)S, die weniger bekannt, aber trotzdem bedeutsam ist. Diese Variante wird schnell übersehen oder vergessen, weil sie viel leiser und unauffälliger ist.

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Die lauten Hypies fallen überall auf und haben meist die volle Aufmerksamkeit – man muss sie einfach wahrnehmen, weil sie im Mittelpunkt stehen, lauter Katastrophen produzieren oder ihr Recht lautstark einfordern. Besonders bei Mädchen zeigt sich aber eine andere Form des AD(H)S, nämlich das des stillen, unaufmerksamen Typs, einfach ADS genannt. Die Betroffenen wirken verträumt, abwesend, uninteressiert, sind oft schüchtern und zurückhaltend. Sie können sich nicht lange auf etwas konzentrieren, schweifen ab, erledigen Aufgaben langsam – dadurch wirken auch sie oft gleichgültig und manchmal viel dümmer, als sie eigentlich sind. Sie sind enorm empfindlich und unsicher und neigen dazu, sich schnell zurückzuziehen und zu resignieren. Sie haben im späteren Lebensalter ein höheres Risiko für Depressionen und Ängste, weil es ihnen so schwer fällt, sich zu behaupten und ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Sie zweifeln sehr schnell an sich und sie können schnell wegen ihrer Selbstunsicherheit zu Mobbingopfern werden, weil sie sich nicht ausreichend wehren und gegenüber anderen abgrenzen können.

Oft wird diese stillere Variante des AD(H)S nicht erkannt, weil die meisten Ärzte und Psychologen, die sich nicht so eingehend mit der Sache auseinander gesetzt haben, nur seine hyperaktive Form kennen und sich daher überhaupt nicht vorstellen können, dass die Transusen und Träumerchen, die Chaosprinzessinnen und die verpeilten, zerstreuten Chaoten auch AD(H)S-ler sein könnten. Wir werden hier und da wieder auf diese besondere Form zu sprechen kommen, denn manche Symptome sehen bei ADS eben etwas anders aus.

 

DESORGANISATION – CHAOSPRINZESSIN UND ZERSTREUTER PROFESSOR

AD(H)S-lern fällt es schwer, Ordnung zu halten, weil sie selten eine klare innere Struktur und nur wenig eigene Regeln entwickelt haben. Alles erscheint ihnen gleich wichtig und so können sie nichts wegwerfen – was durchaus bis zu einem Messie-Dasein führen kann!

Das Chaos um sie herum gleicht ihrem inneren Chaos

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Sie finden wichtige Sachen in ihren Unordnungshaufen nicht und sie haben keinen Überblick in ihrem Leben: Bei Frauen sind es die „Chaosprinzessinnen“, bei Männern die „zerstreuten Professoren“, denen man einfach alles hinterher tragen muss.

„Chaos entsteht wie von Geisterhand und Ordnung muss jeden Tag von neuem geschaffen werden“.

Vielen AD(H)S-lern gelingt es nicht, langfristig in ihrem Leben Ordnungssysteme zu schaffen und sich selbst Strukturen und Regeln zu geben. Sei mal ehrlich und wirf einen Blick in dein Zimmer, auf deine Schreibtischplatte, in deine Schubladen, deine Hefte und was sonst so um dich herum ist… Und? Die übliche Ausrede von AD(H)S- lern ist die, dass sie doch immer wissen, wo alles ist, und dass sie in all diesem Chaos auf jeden Fall den Überblick haben. Stimmt nur meistens nicht.

Hier gibt es keinen wirklichen Unterschied zwischen den Hypies und den Hypos. Beide produzieren immer Chaos und beide schaffen es höchstens ansatzweise, Ordnungsregeln langfristig anzuwenden – mit Ausnahme derer, die überordentlich mit dieser Schwachstelle umgehen und schon fast zwanghaft auf ihr Ordnungssystem bestehen. Auch das andere Extrem kann problematisch sein…

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IMPULSIVITÄT, STIMMUNGSLABILITÄT UND MANGELNDE AFFEKTKONTROLLE

Kennst du das auch? Deine Stimmungen wechseln „von jetzt auf gleich“, von „himmelhochjauchzend“ bis „zu Tode betrübt“ – du fährst eine gefühlsmäßige Achterbahn. Oder auch das: Du kannst manchmal total überreagieren und antwortest auf kleinste äußere Begebenheiten emotional extrem heftig, häufig völlig überzogen. Vielleicht erinnerst du dich daran, wie kleine Kränkungen deine Stimmung schon immer total zum Entgleisen brachten, und vielleicht weißt du auch, dass du ungeheuer schnell ärgerlich werden kannst.

Bei AD(H)S-lern kann die Welt untergehen, weil eine relativ harmlose Bemerkung eines Kumpels sie zutiefst kränkt. Funktioniert dann auch noch der MP3-Player nicht (weil man vergessen hat, die Batterien aufzuladen), fliegt er auch schon gegen die Wand. Wenn dann aber eine liebe Freundin anruft, ist die Welt wieder in Ordnung. Dein Zorngewitter hat sich entladen, alles ist okay und du kannst nicht verstehen, warum der Rest der Welt so nachtragend ist. Deine Mitmenschen können ihrerseits nicht verstehen, woher deine heftigen Gefühle kommen, warum du derartige Ausbrüche hast oder warum dir überhaupt schon wieder eine Laus über die Leber gelaufen ist. Diese extrem schnellen Stimmungswechsel machen den Betroffenen selbst, aber auch ihren Mitmenschen sehr zu schaffen.

background023Impulsivität ist also für AD(H)S-ler ein großes Problem. Sie handeln blitzschnell aus dem Bauch heraus, überschießend: „Erst gemacht, dann gedacht.“ Es tut ihnen hinterher oft leid, dass sie wieder so extrem reagiert haben, aber in der Situation selbst bekommen sie ihre heftigen Gefühle nicht unter Kontrolle. Zwischen dem Wahrnehmen der Gefühle und dem Gefühlsausdruck scheint es keine Zeitverzögerung zu geben. AD(H)S-ler sagen oft, dass sie gar keine Gefühlskontrolle haben, weil sie blitzschnell handeln müssen und ihnen keine Zeit bleibt, ihren Verstand einzuschalten. Es ist so, als katapultiere es dich reflexartig an die Decke, sobald dir einer ein Knöpfchen drückt. „Schnellschussanlage“ nannte das einmal ein Patient von uns. AD(H)S-ler sind also die HB-Männchen aus der Zigarettenreklame, die Hitzeblitze, die Rumpelstilzchen, aber auch die Menschen mit den zwei Gesichtern: Man kann alles von ihnen haben, wenn sie gut gelaunt sind, aber unter Stress rasten sie völlig aus. Wenn ihnen danach ist, schleudern sie ihre Gefühle gnadenlos in die Welt. Wir nennen sie: „Mimosen, mit Holzkeulen bewaffnet.“

 

Auch die hypoaktiven ADS-ler können ausrasten und überreagieren. Das heißt, dass sie ebenso eine gewisse Impulsivität haben, wenn sich die auch nicht sofort zeigt. Sie fressen oft lange ihren Frust und Ärger in sich hinein und manchmal merken sie dann gar nicht mehr, dass sie gekränkt, verletzt oder total verärgert sind. Passiert dann eine weitere Kleinigkeit, können sie durchaus völlig unvorhersehbar explodieren – was ihnen oft das gesammelte Unverständnis ihrer Umwelt einbringt: Wie kann man nur aus dem Nichts heraus so austicken?

Selbst die sanften und schüchternen Hypos können dann ganz schön zuschlagen und verletzen. Daher ist es für ihre Mitmenschen oft schwernachvollziehbar, wie aus zurückhaltenden und schüchternen Jugendlichen auf einmal aufbrausende Hitzeblitze werden, die dann nach verpuffter Explosion wieder in ihre Schüchternheit und ihre Unsicherheit zurück fallen.

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Nun, möglicherweise kennst du das ja auch, dass du einerseits überempfindlich bist, andererseits aber überhaupt nicht zimperlich damit, sofort zuzuschlagen, wenn du dich angegriffen oder gekränkt fühlst.

Hör dir mal an, wie dann deine Botschaft an andere klingt:

„Behandele mich bitte ganz vorsichtig, weil ich extrem schnell verletzt bin, und nimm bitte in Kauf, dass ich heftig überreagieren kann, wenn ich mich gekränkt fühle. Ich meine es nicht so und habe meine Verhaltensweisen auch ganz schnell wieder vergessen, also nimm’s mir nicht übel!“ – Das ist jetzt nicht unbedingt ein ganz faires Beziehungsangebot an deine Mitmenschen, oder?

Entweder möchtest du einfühlsam behandelt werden, dann musst du das auch anderen zugestehen; oder aber du reagierst heftig, dann musst du allerdings auch einstecken können.

Ein AD(H)S bringt also oft ein extremes Gefühlsleben mit sich, von „ganz oder gar nicht“, „schwarz oder weiß“ – dazwischen gibt es nicht sehr viel…

background025Die Mitte wird selten gefunden: Entweder ist etwas für dich ganz toll und du bist total begeistert, oder du hast Schwierigkeiten und Misserfolge (und so ist das Leben leider auch). Frustrationen und Niederlagen lassen sich schwer aushalten und du verlierst sehr schnell die Lust und resignierst. Dies alles kann dazu führen, dass du später immer wieder neue Jobs anfängst und in Beziehungen schnell aufgibst, wenn es schwierig wird.

 

SCHWIERIGKEITEN MIT MITMENSCHEN, IN DER SCHULE UND AM ARBEITSPLATZ

Bei all den oben aufgeführten Problemen ist es leicht nachvollziehbar, dass es im Laufe eines AD(H)S-Lebens zu erheblichen Problemen in den Bereichen Schule, Arbeitsplatz oder Beziehungen zu anderen Menschen kommen kann. Oft fühlen sich die Betroffenen z. B. gemobbt, weil sie mit ihrer Impulsivität und ihren Stimmungsschwankungen anecken.

AD(H)S-ler kommen z. B. in Schwierigkeiten, weil sie Arbeiten nicht vollständig ausführen, häufig sprunghaft und oberflächlich arbeiten und unangenehme Arbeiten bis auf den letzten Drücker aufschieben. Nicht selten erkranken die Partner und Angehörigen an Depressionen und psychosomatischen Erkrankungen (körperliche Beschwerden, die durch seelische Probleme hervorgerufen werden), weil es sehr belastend ist, mit den täglichen Stimmungsschwankungen und dem Chaos der AD(H)S-ler umzugehen (so sehr die Nicht-Betroffenen sicherlich auch von der „besonderen Art zu sein“ des AD(H)S-lers profitieren können). Also sollte im Grunde auch das Umfeld lernen, mit den Besonderheiten des AD(H)S umzugehen, damit es nicht zu unnötigen Problemen oder Enttäuschungen kommt.

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Erschwert wird dies alles noch durch die hohe Erblichkeit des AD(H)S. So findet man innerhalb einer Familie häufig gleich mehrere Betroffene, die sich in ihren AD(H)S-typischen Schwierigkeiten gegenseitig verstärken können. Treffen hier zwei impulsive Menschen aufeinander, ist es verständlicherweise viel schwieriger, Dinge in Ruhe auszutragen.

In solchen AD(H)S-Chaos-Familien kann es in Stresssituationen sogar zu körperlichen Auseinandersetzungen kommen. Übrigens ist auch die Scheidungsrate erheblich höher, wenn ein Familienmitglied vom AD(H)S betroffen ist. Alleinerziehende erfahren sehr schnell ihre Belastungsgrenze, wenn sie wenig Unterstützung bekommen, z. B. wenn sie neben der Kindererziehung den Lebensunterhalt allein verdienen müssen. Äußere Belastungsfaktoren können die Schwierigkeiten also zusätzlich verstärken, die dann die sozialen Beziehungen, den Kontakt zu Freunden usw. ihrerseits sehr belasten.

 

SCHNELLE ERSCHÖPFBARKEIT UND LUSTLOSIGKEIT – DER INNERE SCHWEINEHUND

AD(H)S-ler besitzen einen riesigen „inneren Schweinehund“, den sie nur sehr schwer überwinden können, wenn sie an einer Aufgabe nicht interessiert sind. Ihr Durchhaltevermögen und ihre Selbstmotivation, die Fähigkeit, sich selbst anzutreiben, sind stark eingeschränkt, was zwangsläufig zu schnellem Aufgeben und Mutlosigkeit führt.

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Hypos haben vielleicht die größeren Probleme, diesen riesigen inneren Schweinehund in Gang zu setzen. Sie fühlen sich häufiger bleischwer und träge, und es fällt ihnen im Vergleich zu den Hypies noch schwerer, etwas bis zum Ende durchzuhalten. Hypies haben da mehr Power und Aktivität, schließlich sind sie immer in Bewegung. Was die Hypies an Energie zu viel haben, haben die Hypos zu wenig.

 

SELBSTZWEIFEL UND MANGELNDES SELBSTBEWUSSTSEIN

In den meisten Lebensgeschichten von AD(H)S-lern zeigt sich eine regelrechte Ansammlung bedrückender und frustrierender Erfahrungen. Als Kinder haben sie früh die Erfahrung gemacht, dass sie nicht gut lernen konnten, vergesslich waren und in der Schule schlechte Noten hatten. Waren sie auch noch hyperaktiv, haben sie von anderen bald Ablehnung zu spüren bekommen und sind schnell in eine Außenseiterposition geraten. Die Lebenserfahrung in der Kindheit war so etwas wie: „Ich bin dumm und werde abgelehnt.“ – Keine gute Voraussetzung für die Entwicklung eines stabilen Selbstwertgefühls. Aus solchen Erfahrungen resultieren oft erhebliche Selbstzweifel und ein mangelndes Selbstbewusstsein.

background030Vielleicht hast du auch erlebt, mehr Kritik als andere einstecken zu müssen und vielleicht hast du dich deshalb häufig ungerecht behandelt gefühlt. Kinder des unaufmerksamen AD(H)S-Typs, also die Hypos, haben sich dann möglicherweise schon früh ohnmächtig, ausgeliefert und hilflos gefühlt. Daraus können im weiteren Leben Mutlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Selbstunsicherheit entstehen, bis hin zu Depressionen und Angstzuständen. Gründe genug, sich eingehender mit dem AD(H)S zu beschäftigen und zu lernen, so damit umzugehen, dass man einer solchen Entwicklung nicht ausgeliefert ist.

Alles nur 'ne Mode?

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