AD(H)S  – eine Modediagnose?

Es wird immer wieder behauptet, das AD(H)S sei eine erfundene Krankheit. Die Diagnose sei eine reine Modeerscheinung, denn schließlich habe jeder Anzeichen von Impulsivität, Vergesslichkeit, Unruhe usw. Natürlich zeigt jeder irgendwann einmal Symptome, die sich auch bei einem AD(H)S zeigen – immerhin sprechen wir von Varianten des allgemeinen menschlichen Verhaltens. Bei der ordnungsgemäßen Diagnosestellung wird es jedoch darum gehen, ob sich dieses umfangreiche Erscheinungsbild bei Betroffenen zu großen Teilen und auch im Verlauf des ganzen Lebens wiederfindet, nicht nur phasenweise. Zieht es sich durch wie ein roter Faden, bringt es erhebliche Beeinträchtigungen und Schwierigkeiten mit sich, die in dieser Form eben nicht jeder kennt. Das frühzeitige Erkennen eines AD(H)S verhindert sicher so manches Leid, das die inzwischen erwachsenen AD(H)Sler noch ertragen mussten.

Fur das Kind ist es wichtig, von seinem AD(H)S zu erfahren, denn es muss verstehen, warum es anders ist, und lernen, dass manche Schwierigkeiten in seinem Leben zwangsläufig immer wieder auftauchen werden. Es ist wichtig für das Kind, dass seinen Eltern, Betreuern und Lehrern klar wird, dass es weder faul, bockig noch desinteressiert ist und dass seine impulsiven Verhaltensweisen nicht Ausdruck seiner Bösartigkeit, sondern eine Folge seiner mangelnden Gefühlskontrolle sind. Es ist wichtig, AD(H)S- Kinder früh zu fördern und ihre Eltern und Erzieher zu unterstützen, damit sie den Kindern Halt, Struktur und Grenzen geben können, die sie so dringend brauchen.

Für Eltern hat die richtige Diagnosestellung eine große Bedeutung, denn von ihrem Bekanntenkreis haben sie nur allzu oft die Schuld am Verhalten ihrer Kinder zugewiesen bekommen. Es ist wichtig, dass Mütter nicht mehr wegen vermeintlicher Erziehungsfehler an sich selbst zweifeln und sich ständig Ratschläge anhören müssen, wie sie besser mit ihrem Kind umgehen sollten. Das AD(H)S entsteht nämlich nicht durch Erziehungsfehler oder inkonsequentes Verhalten der Eltern, sondern stellt ein erblich bedingtes Anderssein dar. Es gibt viele Eltern, die sich mit großem Einsatz für die Entwicklung ihrer AD(H)S-Kinder engagiert haben und denen man großes Unrecht tut, wenn man ihnen Erziehungsfehler, mangelndes Interesse oder Bindungsunfähigkeit vorwirft.

Vielleicht solltest du dich tatsächlich auch einmal selbst fragen, wie deine Eltern bisher mit deinem AD(H)S umgegangen sind. Was haben sie alles unternommen, um dir zu helfen? Könnte nicht die eine oder andere strenge Maßnahme oder nervende Regeln auch eine Reaktion auf dein Chaos und deine Sprunghaftigkeit sein? Vielleicht entdeckst du, dass so manche gefühlsmäßige Entgleisung oder das Aufschaukeln von Aggressionen (wie du es in deiner Familie eventuell erlebt hast), auch durch dein Verhalten provoziert wurde. In der Anspannung und im Eifer des Gefechts vergisst man als AD(H)S-ler schnell, was man genau gesagt hat; da hat man leider auch die eigenen Provokationen nicht immer auf der Gehirnfestplatte abgespeichert…

Wir haben oben schon darauf hingewiesen, dass Eltern auch selbst AD(H)S- ler sein können, was wegen der hohen Erblichkeit gar nicht mal so selten ist. Ihnen fällt es besonders schwer, ihren Kindern Struktur zu geben und sie klar und konsequent zu erziehen, denn Eltern können ja ihren Kindern nur das beibringen, was sie selbst können. Wenn mehrere Personen in der Familie vom AD(H)S betroffen sind, kann es also schon ganz schön chaotisch und impulsiv werden. Was für dich gilt, gilt dann selbstverständlich auch für deine Eltern: Sie rasten genauso wenig mit Absicht aus wie du, und sie sind genauso wenig mit Absicht chaotisch wie du – es sind einfach nur die Auswirkungen ihres AD(H)S, ihrer „besonderen Art zu sein.“

 

Schließlich wollen wir ausdrücklich darauf hinweisen, dass nicht jedes AD(H)S behandlungsbedürftig ist, sondern einfach eine harmlose Normvariante menschlichen Verhaltens darstellen kann. Wir sehen das AD(H)S als eine sogenannte Spektrumerkrankung – damit ist gemeint, dass es zwischen einer leichten Abweichung im Verhalten und einer schweren seelischen Erkrankung fließende Übergänge gibt.

Behandlungsbedurftig wird ein AD(H)S erst, wenn es zu einem erheblichen Leidensdruck, einer deutlichen Beeinträchtigung in der Lebensgestaltung (z. B. durch Schwierigkeiten im Schul-, Arbeits- oder Beziehungsbereich) oder aber zu ausgeprägten Begleiterkrankungen (z. B. Depressionen, Suchtentwicklung) kommt. Dann ist es nötig, einige Eigenschaften zu trainieren, die AD(H)S-lern nicht in die Wiege gelegt wurden–Selbstorganisation, Selbstkontrolle, Selbstkritik, Selbstdisziplin, Geduld, Achtsamkeit, Gelassenheit, Loslassen und Toleranz. Und möglicherweise wird es sich nicht vermeiden lassen, besondere Therapieprogramme anzunehmen, eventuell auch eine Behandlung mit Medikamenten (Stimulantientherapie), die sich seit 50 Jahren beim AD(H)S bewährt hat – mehr zu den Themen Strategien und Therapien findest du in den nachfolgenden Kapiteln. Der wichtigste Leitsatz ist für dich zunächst dieser:

Schwächen können auch Stärken sein!

Genau! Deshalb zum wahnsinnig Genialen....

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