SELBSTWERT UND SELBSTWERTPROBLEME

Du hast sicherlich schon öfter deine Eltern, die Lehrer oder auch die „Psychos“ sagen hören: „Sie hat zu wenig Selbstwertgefühl!“, oder: „Da muss man halt das Selbstwertgefühl verbessern!“, oder so ähnliches Zeug. Die haben ja irgendwie auch gar nicht so Unrecht, aber… Wenn das nur so einfach wäre! Was soll denn damit überhaupt gemeint sein und wie soll das genau funktionieren?

ADHS Selbstwert

Der Witz ist: Die meisten Erwachsenen wissen eigentlich selbst auch nicht immer so genau, wie das Selbstwertgefühl mit allem anderen zusammenhängt, denn die beteiligten Wechselwirkungen können unglaublich verstrickt sein. (Daher ist übrigens auch nicht grundsätzlich alles, was in der Erziehung oder in der Schule gemacht wird, pädagogisch wirklich sinnvoll. Aber natürlich machen auch Kultusministerien, Schulbehörden und Pädagogen Fehler und oft zeigt sich erst nach einiger Zeit, was da falsch gelaufen ist).

Kurz und gut, Selbstwert heißt einfach: Was hält man von sich? Kann man die eigene Person – vor allem im Vergleich mit anderen –, kann man also sein Selbst wertschätzen? Hierbei spielt das Selbstvertrauen eine entscheidende Rolle; es hat etwas zu tun mit „sich trauen“: Je mehr man sich traut und zutraut, desto mehr Selbstvertrauen kann man entwickeln. Und je mehr Wertschätzung und Lob man erfährt, desto besser wird das Selbstwertgefühl.

Nun, wir können uns das so vorstellen: Jeder Mensch kommt zunächst einmal ganz gut gelaunt auf die Welt. Ob er seine gute Laune behält, hängt von vielen Dingen ab: Da ist zunächst einmal das Geflüster der Gene (was auch immer man da so mitbekommen hat), dazu kommt dann die Haltung der Eltern dem Kind gegenüber, ihre Erziehung. In welcher Weise sich die Erziehung der Eltern auf das Kind auswirkt, hängt davon ab, wie sie auf das Kind reagieren.

Das Kind erfährt von den Eltern und anderen Angehörigen, ob sie mit seinen Verhaltensweisen einverstanden sind – falls nicht, reagieren sie nämich genervt. Als Kind probiert man praktisch alles aus und die Älteren sagen, ob man etwas gut gemacht hat – oder nicht. Entsprechend ist man als Kind stolz auf das, was man gemacht hat – oder man ist enttäuscht, wenn es den anderen nicht gefällt. Genau bei diesen Lernprozessen haben es nun Kinder mit AD(H)S allerdings ein bisschen schwerer als andere – eigentlich etwas unfair, aber es ist leider so.

Vielleicht erinnerst du dich daran, wie du als Kleinkind so viel unruhiger und lebhafter als alle anderen warst, dass ständig jemand sagen musste: “Pass auf! Hör auf! Sei mal leiser!“, oder ähnliches.

Hyeraktiver Tarzan

Du hast eben mehr ausprobiert als andere kleine Kinder. Klar war das stressig für deine Eltern, wenn sie dich keine Sekunde aus den Augen lassen konnten, weil du überall herumgeklettert bist. Vermutlich haben sie mit dir deshalb auch mehr geschimpft als mit deinen Geschwistern und du hast dich dann benachteiligt oder ungerecht behandelt gefühlt. Vielleicht hattest du einfach weniger Angst und hast Dinge riskiert, die sich sonst keiner getraut hätte – zu deinem Mut und zu deinen akrobatischen Leistungen hat dich wahrscheinlich nur niemand beglückwünscht. Hat dir jemand Anerkennung dafür ausgesprochen, dass du nie müde wurdest und immer Aktion gebracht hast? Das wäre sehr ungewöhnlich, denn wie es aussieht, hatten die Erwachsenen wirklich viel Stress mit dir. Und viel Angst um dich!

Oder warst du ein ganz ruhiges, eher etwas verträumtes Kind, das die Eltern anschieben mussten, damit es mal mit anderen spielt? Deine Eltern und die anderen Menschen rundherum haben dich dann wohl eher für schüchtern gehalten und ängstlich.

ADHS und EinsamkeitEs wird teilweise schon anstrengend gewesen sein, mit dir ins Gespräch zu kommen, weil du kaum Antwort gegeben hast oder insgesamt wenig Text hattest:

Es sind dir einfach keine Fragen eingefallen oder du wusstest nicht, wie man Smalltalk mit anderen macht. Möglicherweise haben dich deine Eltern sogar gedrängt, doch mal mit anderen zu reden und dich nicht so anzustellen, dabei hast du manchmal gar nicht gewusst, wie du das bewerkstelligen könntest. Wenn es irgendwann tatsächlich so weit gekommen ist, dass dich andere immer seltener angesprochen haben, dann kennst du vielleicht das Gefühl vom Nicht-dazu-Gehören ganz gut: Einsamkeit.

Es mag auch sein, dass du immer wieder schmerzhaft und verletzt erkennen musst, dass du ein langsameres Tempo vorlegst als deine Mitschüler; mag sein, dass du das bisher darauf zurückgeführt hast, dass du dümmer wärst als sie. Es kann sein, dass du dich auch noch weiter zurückziehst, dir in der Fantasie deine eigene Welt schaffst, in der alle netter sind; oder liest du viel und tauchst so in eine andere Welt ab?

Alleine lesen

All dies sind natürlich keine berauschenden Voraussetzungen, um ein gesundes und stabiles Selbstwertgefühl zu entwickeln. Egal, was man da als Kind so alles erlebt – eine Vorstellung von der Welt und von sich selbst entwickelt man auf jeden Fall immer. AD(H)S-Kinder, die ja meist viel Kritik erfahren haben oder Misserfolge einstecken mussten, haben eher gelernt, an sich selbst zu zweifeln; sie haben sich entweder schüchtern zurückgezogen oder sich möglicherweise mit Ärger und Heftigkeit gegen Regeln aufgelehnt (und daraufhin nur noch weitere Kritik auf sich gezogen). Diese Lebenserfahrungen hindern AD(H)S-ler häufig daran, ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Zu dieser Entwicklung trägt manche AD(H)S-Eigenschaft verstärkend bei: AD(H)S-ler können nämlich oft nicht verstehen, dass die Mitmenschen von typischen AD(H)S-Verhaltensweisen genervt sein können, ohne dass das automatisch heißen muss, dass sie die nervende Person gleich vollständig ablehnen (sie selbst denken ja eher: „entweder – oder“). AD(H)S-ler sind auch deshalb verletzbarer, weil sie einfach dünnhäutiger sind und sich Ablehnung oft sehr zu Herzen nehmen. Und schließlich neigen sie auch noch dazu, negative Erfahrungen häufig gründlicher abzuspeichern als positive – sehr hilfreich ist es für das Selbstwertgefühl natürlich nicht, wenn ausgerechnet die Erfolgserlebnisse der Vergangenheit nicht zuverlässig abgerufen werden können, während man die Misserfolge sofort auf dem Schirm hat…

 

DAS LEBENSSKRIPT

Der AD(H)S-ler hat also jede denkbare Möglichkeit, immer wieder zu dem Schluss zu kommen: „Ich bin dümmer als die anderen, werde abgelehnt oder kann mich nicht so durchsetzen.“ In der Psychologie nennen wir so etwas ein Lebensskript. Hat man ein solches Skript von sich und der Welt erst mal entworfen, dann interpretiert man viele Begebenheiten im Leben entsprechend – in diesem Fall also negativ: Man fühlt sich schneller abgelehnt, zweifelt mehr an sich selbst und hält sich selbst schneller für einen Versager. Dummerweise entstehen diese Lebensskripte weitgehend unbewusst und oft können wir nur in einer Psychotherapie lernen, sie uns bewusst zu machen, und daran arbeiten, sie in einer positiven Weise zu verändern. Man muss dann richtiggehend üben, sich selbst wertzuschätzen und sich von der (wie auch immee gearteten) Meinung anderer unabhängiger zu machen. Wenn du jetzt allmählich mehr und mehr vom AD(H)S verstehst, dann wirst du sehen, dass vieles von dem, wofür du von anderen kritisiert wurdest, einfach auf dein AD(H)S zurückgeht – und das wirst du ja zukünftig viel besser in den Griff bekommen!

 

PUBERTÄT – DIE TESTSTRECKE FÜR DEIN SELBSTWERTGEFÜHL

Sicher erinnerst du dich an viele Szenen, wo du endlos an den Hausaufgaben gesessen hast; oder du hattest wieder eine schlechte Note, weil du dich einfach nicht erinnern konntest oder den Text nicht richtig gelesen hattest. Eigentlich ist es sowieso nur langweiliger Stoff, der so gar nicht in deinen Kopf will – die vielen Dinge, die dich wirklich interessieren, sind für dich doch ganz einfach! Ja, und Lehrer haben natürlich auch eine klare Vorstellung davon, wie dein Verhalten sein sollte – aber wissen sie auch, wie schwer es ist, sich an Regeln zu halten, deren Sinn sich einem überhaupt nicht erschließen will? Wenn kaum jemand all die Anstrengungen würdigt, die du aufbringst, um den Erwartungen deiner Lehrer und Eltern gerecht zu werden, ist das wirklich schade. Mit der Pubertät scheint alles nur noch viel schwieriger zu werden…

Fragen zu ADHS

Die Pubertät ist ja schon an sich eine Art zeitlich begrenzter AD(H)S-Zustand und wenn man ohnehin schon ein AD(H)S hat, dann können viele der typischen Schwierigkeiten umso ausgeprägter auftreten. Wenn es für dich so schon schwierig genug war, deine Empfindungen zu steuern, dann geraten sie jetzt vollends durcheinander – das kann einen irre machen!

Und deine Eltern? Du könntest wetten, die sehen gar nicht, was abgeht; dass die Hormone das Ruder übernehmen. Und behandeln dich – immer noch wie ein Kind!

WohinIrgendwann fällt ihnen doch noch ein, dass du vielleicht in die Pubertät kommen könntest. Und nun? Sie wissen auch nicht so genau, was sie jetzt tun sollen. Man kann ja nicht plötzlich einen Pubertätsnotschalter drücken und dann läuft alles anders – und selbst wenn, wie soll es denn laufen?

Du bist kein Kind mehr und noch kein Erwachsener. Was bist du dann? Ein Jugendlicher? Wann fängt das denn an? Selbst Psychologen tun sich schwer damit, das zu beschreiben. Jedenfalls hast du noch die bescheidenen Rechte eines Kindes, gleichzeitig sollst du aber schon vernünftig sein wie ein kleiner Erwachsener. Jetzt sollst du immer genauer wissen, wer du bist und was du bist und wie viel du wert bist; sollst deine Identität finden und ein gewisses Maß an Selbstwertgefühl haben.

Du hast möglicherweise bis jetzt nicht so viel in deine Selbstwertschale hinein legen können. In der Schule sind deine Leistungen unter dem, was du bringen könntest (alles nur wegen deiner Konzentrationsschwäche – das nervt dich seit langem schon: Zu sehen, wie die anderen absahnen und du schaust zu!).

Gute Noten führen aber zu guter Arbeit, gute Arbeit zu gutem Geld und dann bist du was wert – das hast du jetzt auch begriffen, denkst du. Manchmal schaffen es deine Eltern, ihre Enttäuschung zu unterdrücken, aber auch nicht immer – sie leiden mit dir. Das bringt dir jetzt aber auch nichts, meinst du. Was sollen sie denn eigentlich genau tun? Im Moment ist es nicht leicht, dir was recht zu machen…

In dieser Situation wirst du nur wenig Selbstwertgefühl entwickeln und das kann im Laufe der Zeit ganz schön auf die Stimmung drücken – nicht nur bei dir, auch in deinem Umfeld: Freunde, Geschwister und Eltern leiden mit, wenn sie dich so deprimiert (oder gar aggressiv) erleben, weil du eigentlich alles satt hast. Alle fühlen sich plötzlich hilflos: die Lehrer, deine Eltern, von dir selbst ganz zu schweigen. Aber es kommt noch besser: Du willst Unterstützung – und willst sie doch nicht! Du steckst in dem scheinbar unlösbaren Dilemma der Jugendzeit, nämlich zwischen dem Gewähren von Unabhängigkeit (Autonomie) auf der einen Seite, und dem Zwang zur Kontrolle auf der anderen (s. Baumrind 1991).

Diejenigen, die dich jetzt noch verstehen, die noch gut drauf sind, das sind die anderen in deinem Alter. Auch sie suchen nach ihrer Identität und nehmen dich so wie du bist. Selbst wenn es dir nicht immer gefällt, mit ihnen zusammen zu sein, es ist jedenfalls immer was los – Action oder nicht, wenigstens wird nicht gemeckert.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat die Pubertätszeit so beschrieben:

„Die Welt wird bunter und zugleich komplizierter – sowohl in der ‚großen Politik’ als auch im Kleinen des Alltagslebens. Vieles verändert sich rasend schnell. Gewohntes verliert an Bedeutung. Neues entsteht und macht neugierig, aber auch unsicher. Die größere Vielfalt der Bedürfnisse, Interessen und Wünsche bringt unterschiedliche Lebenslagen und Lebensstile stärker zum Ausdruck. Das macht offener und erweitert das eigene Wohlbefinden. Das weckt aber zugleich Zweifel und Unwohlsein angesichts des Ungewohnten, das wir uns dabei gegenseitig zumuten.“

Man kann sich gut vorstellen, dass bei den ganzen Verwirrungen, die Pubertät und Jugendzeit naturgemäß mit sich bringen, das Selbstwertgefühl erst recht ins Schleudern gerät. Du sollst dich nun behaupten, deine eigene Meinung haben, zu dir stehen – dabei bist du ja selbst noch nicht überzeugt von dir! Hast du nicht in den letzten Jahren mit zunehmender Bewusstheit eher Selbstzweifel entwickelt? Weißt du wirklich, was an dir gut ist?

Meistens hat man dir gesagt, was du ändern sollst, und kaum erwähnt, was so bleiben soll wie es ist. Du hast noch keinen wirklichen Blick dafür, was gut an dir ist. Kein Wunder, denn die „Marotten“ deiner Kindheit setzen sich fort und machen dir weiterhin Ärger – jetzt sogar mit den Freunden: Wie oft hast du Verabredungen vergessen, kommst zu spät, sodass man auf dich warten muss; bist einfach launisch, irgendwie total gelangweilt, urplötzlich eingeschnappt. Dies ertragen viele Gleichaltrige, aber nicht alle. Schnell fühlst du dich außerdem als Außenseiter, denn du bewunderst die anderen für das, was sie alles können. Und du denkst, da du es nicht kannst, wirst du nie richtig dazu gehören. Gerne wärst du auch mal der King und träumst heimlich vom großen Starsein, damit dein Selbst etwas wert ist.

Da haben wir es wieder: Typisch am Jugendalter ist, dass man viel aufmerksamer für sich selbst ist und hoch ADHS Kämpfertypempfindlich, was die eigenen Schwächen angeht. Deshalb setzen sich Jugendliche gern ein Ideal und versuchen, ihm zu entsprechen.

Gelingt es dir, dich diesem Ideal durch schulische und berufliche Leistungen sowie Anerkennung in deinem Umfeld anzunähern, so ist es gut für dich gelaufen. Bleiben Bestätigungen dieser Art jedoch aus, kann es leicht passieren, dass die Bemühungen in Drogengebrauch, Kriminalität und der Suche nach Anerkennung in Extremgruppen münden. Im schlimmsten Falle endet es in Selbstaufgabe und Selbstmord.

Du hast viel erlebt in deinem noch gar nicht so langen Leben und immer wieder gekämpft für dich und deinen Wert – ohne dass du es wirklich weißt. Du hast dich häufig eben nicht unterkriegen lassen und ganz viele Qualitäten entwickelt, die viel wert sind – doch dein Bild von dir selbst kann ein völlig anderes sein. Falls diese Beschreibung auf dich zutrifft, empfehlen wir, dass du dir spätestens zu diesem Zeitpunkt Unterstützung von einem Experten holst, der sich mit den Problemen ebenso wie mit den Qualitäten eines AD(H)S-Menschen auskennt. Er kann dir dabei helfen, dein Selbstbild in eine gesunde Richtung zu entwickeln, damit deine Lust auf Leben und deine Zufriedenheit wachsen und du dich auf deinem Weg zum Erwachsenen selber besser managen kannst.

Du hast viel erlebt in deinem noch gar nicht so langen Leben und immer wieder gekämpft für dich und deinen Wert – ohne dass du es wirklich weißt. Du hast dich häufig eben nicht unterkriegen lassen und ganz viele Qualitäten entwickelt, die viel wert sind – doch dein Bild von dir selbst kann ein völlig anderes sein. Falls diese Beschreibung auf dich zutrifft, empfehlen wir, dass du dir spätestens zu diesem Zeitpunkt Unterstützung von einem Experten holst, der sich mit den Problemen ebenso wie mit den Qualitäten eines AD(H)S-Menschen auskennt. Er kann dir dabei helfen, dein Selbstbild in eine gesunde Richtung zu entwickeln, damit deine Lust auf Leben und deine Zufriedenheit wachsen und du dich auf deinem Weg zum Erwachsenen selber besser managen kannst.

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