FAMILIE, ELTERN UND PEERGROUP – ICH MACH SOWIESO, WAS ICH WLL…

Eins sollte für alle klar sein: Freundschaften sind für die gesunde Entwicklung eines Jugendlichen wie dich nahezu unentbehrlich. Manchmal ist das für Eltern schwer zu akzeptieren, weil sie befürchten, nicht mehr wichtig und dir nichts mehr wert zu sein – ja, möglicherweise sind sie sogar ein bisschen eifersüchtig. Wenn du daran denkst, dass sie bislang deine ersten Bezugspersonen waren, kannst du manche ihrer Reaktionen auf deine Freunde vielleicht sogar verstehen. Trotzdem – kaum jemand wird dich in der aktuellen Lebensphase mit all deinem Kummer, deinen Themen, deinen Launen und deinen Träumen so gut verstehen und es dir so gut nachfühlen können wie deine Freunde rundherum.

Du kannst ihnen deine Gefühle mitteilen oder einfach nur sein, wie du bist. Ihr Vertrauen tut dir gut. Solch eine Peergroup ist wichtig für dich und du bist wichtig für sie – schon deshalb solltest du dich auch um Freundschaften bemühen und dich nicht einigeln.

Freunde können dir helfen, Gefühle von Einsamkeit zu überwinden, und du wirst am ehesten durch deine Freunde erkennen, wie einmalig du bist. Daher hast du dort auch am ehesten die Möglichkeit, dich selbst mal auszuprobieren: Sag deine Meinung, übe dort, deine Anliegen durchzusetzen. Zu Hause wird ja öfter mal ein Kampf ausgefochten und in der großen Welt ebenso, aber unter Gleichaltrigen mit ähnlichen Interessen kannst du deine Wirkung gut testen.

Das machen alle so. Du wirst andere Lebensstile kennen lernen, andere Sichtweisen, die anderen Familien, aus denen deine Peers stammen – da gibt es durchaus eine Vielfalt an Möglichkeiten, die dir begegnen wird. Nutze sie, überprüfe aber immer wieder, was dir mit deinem AD(H)S gut tut, was deiner Selbstwertentwicklung gut tut – und was dir schadet. Dass deine Peergroup bei alledem gerade nicht in Konkurrenz zu deiner Familie steht, musst du dir und deinen Eltern unbedingt klar machen: Deine Freunde lösen deine Familie nicht etwa ab, sie ergänzen sie nur. Das ist ein Unterschied. Deine Familie wird dir bleiben und sicherlich alles tun, um dich zu stützen.

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Nur manchmal gehen die Wege in bestimmten Lebensphasen etwas auseinander und Jugendliche fühlen sich von ihren Eltern nicht mehr verstanden – und Eltern nicht mehr von ihren jugendlichen Kindern! Das ist manchmal gar nicht so einfach. Wenn dann vielleicht noch impulsive Kinder und impulsive Elternteile aufeinander treffen – dann ist der Crash vorprogrammiert. Durchaus möglich, dass die Dickköpfe komplett auf stur stellen, sich gegenseitig fürchterlich kränken und nicht mehr zurückfinden; dass keiner dem anderen die Hand reichen kann, weil jeder von sich denkt, er habe Recht. Eltern fühlen sich häufig unverstanden und können ihrerseits nicht verstehen, wieso ihre guten Absichten nicht gesehen werden.

Der Jugendliche wiederum kann nicht verstehen, warum er nicht selber denken darf und ihm nichts zugetraut wird; warum er stattdessen stets die guten Ratschläge seiner Eltern befolgen soll. Wenn diese schließlich mit Macht doch durchgedrückt werden, kommt das für den Jugendlichen einem SuperGAU gleich. In solchen Fällen kann es sehr nützlich sein, wenn man einen unbeteiligten Dritten zu Rate zieht, der der Familie hilft, wieder ein Team zu werden, sich gemeinsam in ein Boot zu setzen und auf gemeinsame Ziele hinzusteuern. Hilfreiche Methoden sind hierbei das Coaching oder eine familientherapeutische Beratung.

Doch zurück zu den Freundschaften und der Peergroup. An dieser Stelle müssen wir leider erwähnen, dass es auch eine traurige und, ja, fast gefahrvolle Schattenseite der Gleichaltrigen oder der Peergroup gibt, vor der man die Augen nicht verschließen darf. Es gibt immer wieder Jugendliche, die die Grenzen extrem überschreiten – sei es nun hinsichtlich Drogen, Kriminalität oder politischer Richtungen. Es zählen keine Regeln mehr, es gibt keinen Respekt mehr vor Menschen und Eigentum. In vielen Fällen sind dies Jugendliche, die selbst keine guten Erfahrungen in ihrer Kindheit gemacht haben, die Kurve nicht mehr gekriegt haben und die eigentlich arme Seelen und etwas verloren sind.

Aber es nutzt nichts: Wichtig ist zu sehen, was sie mit anderen Jugendlichen machen. Häufig werden Jugendliche, die noch eher unbekümmert sind oder waren (so wie du?), unter Druck gesetzt oder verführt, bei denen mitzumachen. Warum? Wer sonst nicht viel Bestätigung bekommt, muss sich irgendwoher seine Bewunderer besorgen. Manche Jugendliche fühlen sich nur dann gut und mächtig, wenn sie ihre Anhänger haben, mit denen sie sich gegen die Erwachsenenwelt auflehnen und rumbocken können. Erfahrungen, wie diese armen Typen sie mit der Erwachsenenwelt gemacht haben müssen, sind schon wirklich die Härte. Derartig heftige Erlebnisse hattest du vermutlich nicht – hoffentlich.

Viele Jugendliche suchen ihre Kontakte im Internet. Das ist scheinbar leichter, weil man nicht von zu Hause weg muss und einfach herumklicken kann. Wenn man keine Lust mehr hat, kann man den Kontakt unterbrechen. Natürlich ist es viel schwieriger, reale Beziehungen zu suchen und diese aufrechtzuerhalten, aber sie tragen besser und man kann sich durch sie viel weiter entwickeln. Such dir Menschen, die dir gut tun, statt austauschbarer Internetkontakte, mit denen du das Leben nicht wirklich teilen kannst und die dir, wenn es dir schlecht geht, nicht wirklich zur Seite stehen können.

Gerade die Hypos unter euch neigen dazu, das Internet für Ersatzkontakte zu nutzen. Wenn du Probleme mit Gleichaltrigen hast, kommt dir das Internet als Medium entgegen, weil die Hemmschwelle geringer ist. Da es anonym zugeht und man sein Gegenüber nicht sieht, hat man weniger mit Ängsten und Schamgefühlen zu tun. Wenn es nervig oder peinlich wird, kann man sich mit einem Mausklick ohne Erklärungsnot aus der Situation zurückziehen. Klingt gut – kann aber auch zur Falle werden, weil man Internetkontakte leicht als freundschaftliche Beziehung verkennt; weil man da zwar sein Herz ausschütten kann, den anderen aber nicht spürt, nicht sieht, ob er lächelt oder wütend wird; weil man oft nicht einmal weiß, ob der Name des Internetfreundes wirklich sein eigener ist. Wir kennen viele Jugendliche, die Internetkontakte als tragfähige Kontakte bezeichnen; als Freundschaften, in denen sie Unterstützung erfahren.

Bis zu einem gewissen Grad mag das sicher auch richtig sein. Gerade in eurem Alter ist es allerdings ausgesprochen wichtig, reale Kontakte zu haben: mit Freunden weggehen, sich Anerkennung und Wertschätzung schaffen, Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht machen und – natürlich – auch Niederlagen und Misserfolge einstecken. Niemandem bleibt das erspart und wenn es auch nicht immer einfach ist, eine Abfuhr oder Ablehnung zu verkraften, so gehört es doch zum Leben. Indem man lernt, unangenehme und kränkende Ereignisse zu verkraften, kann ein gesundes Selbstwertgefühl überhaupt erst entstehen. Je länger ihr also vor dem Bildschirm sitzt, um so mehr Zeit verstreicht, in der ihr nicht üben könnt, euch mit Gleichaltrigen auseinander zu setzen, Konflikte zu bewältigen, neue Kontakte zu knüpfen usw. Und alle die, die das häufiger üben, können es einfach besser… 😉

Dass unter Jugendlichen leider nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen herrscht, kann man auch am Thema Mobbing sehen. Mobbing kommt vom englischen mob (‚der Pöbel’), bzw. to mob (‚sich auf etwas stürzen, über etwas herfallen’). Da geht es ja teilweise ziemlich ab. Für eine Studie wurden 2000 Schüler und Schülerinnen von Klasse 1 bis 13 befragt, ob sie schon mal gemobbt wurden oder Erfahrungen mit Cybermobbing haben. 40% der Befragten berichteten, dass sie direktem Mobbing ausgesetzt waren (Jäger et al. 2009). Das heißt im Klartext: gezielte und wiederholte körperliche Gewalt, Angriffe durch Worte und das Ausschließen von    Schwächeren aus der Gruppe. Da kann man sich vorstellen, wie einem die Düse geht, wenn man sich nicht so stark fühlt wie andere. Und dass viele Kinder oder Jugendliche mit AD(H)S sich nicht immer so ganz stark fühlen, haben wir ja im Abschnitt 2.1. gesehen: Ihr Selbstwertgefühl ist nicht gerade das Stärkste. Vor lauter Angst, dass die anderen das merken könnten, ist man schon eher bereit, mal eben bei einem Unsinn mitzumachen, bevor man vielleicht auch gemobbt wird. Wer will sich schon als Schwächling zeigen?

In der jetzigen Zeit, in der immer häufiger Internet und Handys genutzt werden, nimmt auch das sogenannte Cybermobbing zu: Hier werden Schwächere per E-Mail, Handy, Instant Messenger oder in virtuellen Chaträumen beleidigt, geächtet und gedemütigt. Cybermobbing haben bereits 16 Prozent der Befragten erlebt. Geht man von der aktuellen Schülerzahl aus, so könnten deutschlandweit rund 1,9 Millionen Schülerinnen und Schüler Opfer von Cybermobbing sein. Hauptverursacher dieser Attacken – so sagen die, die man befragt hat – sind die eigenen Klassenkameraden. Wer allerdings glaubt, dass die Täter beim Cyber- bzw. beim direkten Mobbing jeweils ganz anderen Gruppen entstammen, der irrt: In 84% der Fälle sind die Täter die gleichen, egal welche Medien oder Mittel sie verwenden.

Der Mist bei diesem Cybermobbing ist, dass du kaum was dagegen machen kannst: Steht z. B. erstmal ein ungünstiges, doofes oder bloßstellendes Foto von dir im Netz, um dich fertig zu machen, dann kriegst du es kaum noch gelöscht. Und wenn sich dein späterer Ausbilder mal über dich informieren will und nach deinem Namen im Internet googelt – oh, oh. Nix gut. Denk daran, wenn sich deine Eltern das nächste Mal kritisch nach deinen Freunden erkundigen. Du solltest dann nämlich nicht gleich alle Schotten dicht machen, sondern echt mal überlegen, wie gewisse „Freunde“ dir vielleicht tatsächlich auch schaden können.

Du hast Abschnitt 2 und damit 3/4 des Buches geschafft.

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