SEXUALITÄT –VOLLER FANTASIE, ABER NICHT GANZBEI DER SACHE…

Es ist ja heute nicht so ganz einfach, die eigene Sexualität zu entdecken. Die meisten Jugendlichen haben schon so viel Sexuelles im Internet und im Fernsehen gesehen, bevor sie überhaupt eigene sexuelle Erfahrungen machen. Und du kennst das ja wahrscheinlich auch, dass ihr euch schon ganz viel im Internet angeschaut habt und jeder dabei die coolsten Sprüche geklopft hat, wie erfahren er doch sei – wahrscheinlich hatten deine Freunde und Freundinnen erst einmal genauso wenig Ahnung wie du. Jeder redet halt mit und das kann einen schon ganz schön verunsichern, wenn man all die Bilder im Kopf hat und man selbst eigentlich noch ziemlich verklemmt ist und so gar nicht weiß, wie man den ersten Schritt tun soll.

Vielleicht war das früher einfacher. Da gab es zwar die „Bravo“, die man heimlich unter der Schulbank gelesen hat, mit einer Gebrauchsanweisung für Zungenkuss – uns zumindest war es damals noch peinlich, das zu lesen. Dennoch erscheint es heute schwerer, die eigene Sexualität zu entwickeln. Wer heute jung ist, hat sich vermutlich schon ein ziemlich genaues Bild davon gemacht, wie Sex sein soll. Vielleicht geht gerade dadurch auch etwas von dem Geheimnisvollen und Verbotenen verloren und damit die prickelnde Spannung, etwas ganz Neues und Einmaliges zu entdecken.

Irgendwie verklemmt ist aber eigentlich doch jeder, wenn man sich zum ersten Mal dem anderen Geschlecht nähert und wenn man so gar nicht weiß, wie man das macht. Und es ist gar nicht so einfach, mit den Gefühlen klarzukommen, die da so auftauchen. Gerade für AD(H)S-ler ist die Pubertät deshalb oft eine ganz besonders schwierige Zeit, weil die Heftigkeit von Gefühlen für sie ohnehin so schwer zu regulieren ist.

Hast du dich auch schon mal unsterblich verliebt – und dir nicht vorstellen können, dass diese Beziehung jemals auseinander geht? Hast du geglaubt, als es doch so weit war, dass du dieses Ende nicht überleben wirst, weil dich alles so tief in den Abgrund reißt? Und du hast dir nicht vorstellen können, dass du jemals wieder einen Menschen lieben könntest? Bei AD(H)S-lern ist das leider ganz oft ziemlich extrem: Tiefe Liebe, Glückseligkeit, dann der Absturz. Und in dem Moment, wo es passiert, tröstet dich einfach gar nichts, sondern du fühlst dich nur elend und vom Leben tief enttäuscht. Schon gar nicht willst du dann solche Sprüche hören, dass dieser Zustand vergeht und die Zeit alle Wunden heilt…

Aber es stimmt! Und wir können dich für solche Fälle nur immer wieder daran erinnern, dass du darauf vertrauen kannst, dass deine tiefen, heftigen und leidenschaftlichen Gefühle vergehen. Vertraue auf den Vorteil, den dein AD(H)S dir hier bietet: In ein paar Tagen oder Wochen wirst du die Welt wieder anders sehen. Rufe dir in Erinnerung, dass du als AD(H)S- ler immer Zeit gewinnen musst – viele deiner Katastrophen werden sich alleine dadurch lösen, dass deine Gefühle vergänglich sind und du vor allem durch Ablenkung und neuen Input aus der scheinbar ausweglosen Situation wieder herausfindest. Denke an das, was wir oben schon über die Gefühlslage beim AD(H)S geschrieben haben: Deine Gefühle sind heftig, aber sie vergehen schnell, und das gilt auch für Trauer, Schmerz und Kränkung. Versuche auch hier wieder loszulassen und dich nicht festzubeißen.

Aber wir waren ja gerade dabei, das Thema Sexualität näher anzuschauen. Am besten wäre natürlich, du könntest Sexualität mit einem Partner oder einer Partnerin gemeinsam entdecken und gleichzeitig die Erfahrung damit machen, dass ihr euch liebt und ihr seelisch und körperlich zueinander findet. Und es wäre auch gut, wenn ihr euch beide dann ein bisschen Zeit lassen könntet.

Denkt auf jeden Fall daran zu verhüten, und zwar auch schon beim ersten Mal. Wir wissen, dass du das schon tausendmal gehört hast, aber die Statistik zeigt eindeutig, dass AD(H)S-ler deutlich häufiger Teeny-Schwangerschaften haben, und das braucht doch eigentlich kein Mensch: Wenn ihr so früh zusammen ein Kind bekommt, bedeutet das auch, sehr früh schon die volle Verantwortung für einen kleinen Menschen übernehmen zu müssen; wenn ihr es abtreibt, müsst ihr auch beide damit fertig werden – eine gute Erfahrung ist es in keinem Fall. Es nutzt auch nichts, wenn die Präservative auf dem Nachttisch liegen (ist ja alles schon vorgekommen :-)), und überhaupt solltet ihr mit Präservativen verhüten, wenn ihr den Partner nicht genau kennt. Weiß natürlich auch jeder, aber es wird scheinbar dann doch wieder vergessen (du weißt schon: die Statistik…). Dabei geht es übrigens nicht nur um Aids, sondern auch um die Verhütung von anderen Geschlechtskrankheiten und Hepatitis (Leberentzündung).

Auch wenn AD(H)S-ler so überhaupt keine Geduld haben, das Zeitlassen ist doch ganz wichtig. Sexualität macht nämlich eigentlich mehr Spaß, wenn man sich genau kennt und wenn beide zu ihrem Spaß kommen. Auch hier spielt natürlich das Thema Gerechtigkeit eine Rolle: Eine Beziehung wird nur dann auf Dauer stabil und haltbar sein, wenn Geben und Nehmen ausgeglichen ist. Die Mädels brauchen manchmal etwas länger, um herauszufinden, was ihnen wirklich Spaß macht. Erlaubt ist, was euch beiden Spaß macht und jeder sollte so ehrlich sein zuzugeben, was ihm nicht gefällt, und nein zu sagen, wenn er bestimmte Sexualpraktiken nicht mag. So entdeckt ihr am allerbesten eure eigene Sexualität und müsst nicht gleich nachmachen, was ihr im Internet da so alles gefunden habt. Es ist sicher gut, wenn ihr miteinander offen darüber reden könnt, was sich jeder wünscht und was dem anderen gefällt.

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Sehr viele AD(H)S-ler können eine erfüllte Sexualität mit ihrem Lebenspartner genießen und haben mit diesem Thema überhaupt keine Probleme. Aber auch Sexualität kann beim AD(H)S zum Problem werden und hier gibt es wieder die bekannten Gegensätze. Einerseits kann Sexualität zur Sucht werden und hypersexuell gelebt werden: Manche AD(H)S-ler können nur noch an Sex und Frauen oder Männer denken und leben dauernd in ihren sexuellen Fantasien. Andererseits kann es aber auch – insbesondere für Frauen – schwer sein, die Konzentration beim Sex für längere Zeit aufrecht zu erhalten, und sie können dann darunter leiden, dass die Gedanken während des Verkehrs abschweifen und sie nicht so richtig bei der Sache bleiben können. Wenn das Interesse an Sex, ob aus diesem oder aus anderen Gründen, ungewöhnlich schwach ausgeprägt ist oder völlig abflaut, spricht man von Hyposexualität.

 

HYPERSEXUALITÄT

Sexualität kann also extrem gelebt werden. Die Maßlosigkeit und das „Nie-Genug“ können dazu führen, dass der AD(H)S-ler sich leichtfertig in sexuelle Abenteuer stürzt und auch gefährliche Sexualpraktiken anwendet, ohne sich ausreichend zu schützen, weil er eben – vom Gefühl geleitet – nicht die Folgen seines Tuns bedenkt. Es kann passieren, dass AD(H)S-ler auf Sexualität hyperfokussieren, ständig neue Beziehungen anfangen und sich auf jedes sexuelle Abenteuer einlassen – die Unersättlichkeit kann trotzdem bleiben. Vielleicht sind diese Unersättlichkeit und Unzufriedenheit am besten in dem Song der Rolling Stones ausgedrückt, wenn Mick Jagger singt: „I can’t get no satisfaction“, oder bei Queen: „I want it all…“
Weil sie immer das Abenteuer und den Kick suchen und auf der ständigen Suche nach dem ultimativen Glück und Rausch sind, können AD(H)s-ler auch zu extremen Sexualpraktiken neigen. Manche geben Unsummen für Prostituierte oder Pornofilme aus, surfen tagelang ohne Unterbrechung im Internet und ziehen sich immer wieder von neuem die vermeintlich geilsten Pornos rein. Sie kommen dann gar nicht mehr von der Kiste weg und sind ständig damit beschäftigt, sich selbst zu befriedigen. So können sie sich auch aus diesem Grunde sehr verschulden. Natürlich ist dieses Verhalten nicht besonders beziehungsverträglich und es bedarf keiner großen Fantasie sich vorzustellen, dass mit dieser Haltung Beziehungen sehr belastet und instabil sind.

Untreue war schon immer ein Sprengstoff für Beziehungen. AD(H)S-ler können zwar ihre Partner durchaus sehr lieben, aber sie langweilen sich eventuell schnell bei den gewohnten Sexualpraktiken und nur das Neue verheißt dann Spannung. Es ist wie eine Sucht, wie ein ständiges Getriebensein, und es erinnert an den Jäger, der auf die Jagd gehen muss, weil er sonst verkümmert. Sie sind da auch nicht wählerisch, weil jede Frau und jeder Mann reizt. Dabei geht es nicht um die Person selbst oder gar um eine Beziehung, es geht allein um das Erobern.

Es kommt ja durchaus vor, dass ein AD(H)S-ler sich von einem Extrem ins andere stürzt: Hat die Sexualität zunächst das Leben ganz bestimmt, so kann das Interesse daran in einer längeren und sicheren Beziehung verloren gehen. Umgekehrt ist es durchaus möglich, dass Sex in einer Beziehung überhaupt keine Rolle spielt und in der nächsten Beziehung zum alleinigen Mittelpunkt wird.

Hypos können auf Grund ihrer Schüchternheit dazu neigen, gar keine realen Erfahrungen mit Sexualität zu machen. Stattdessen sind sie darauf fokussiert, jeden Tag stundenlang Pornos zu schauen. Sie stimulieren sich damit permanent selbst, ohne dass sie wirklich Sexualität leben können. Oft müssen sie schließlich immer härtere Pornos konsumieren, um sich immer wieder neu einen Kick zu verschaffen. Die sexuellen Vorstellungen werden durch die Pornos immer extremer – und die Kluft zur erlebten Sexualität umso größer.

Besonders Frauen berichten von Schwierigkeiten, sich auf Sex zu konzentrieren. So können sie 1000 Gedanken im Kopf haben und beim Sex nebenbei gleichzeitig mit Kochrezepten, Einkäufen usw. beschäftigt sein. Sie können auf Grund ihrer Zerstreutheit und Konzentrationsstörung nicht bei der Sache bleiben, den Sex daher nicht in der ganzen Fülle und Intensität erleben und tun es öfter eher gelangweilt und desinteressiert. So sind sie immer nur ein bisschen mit Sex beschäftigt, was allerdings nicht ausreicht, um wirkliche Befriedigung zu erlangen.

Hinzu kommt der Aspekt des Körperbewusstseins. Häufiger sind es Frauen, die sich selbst nicht gut kennen. Sie wissen wenig über ihren Körper und haben vielleicht gar keine Ahnung davon, was ihnen Spaß machen würde und wie sie ihre eigene Sexualität leben könnten. Mit geringem Körperbewusstsein erleben sie Sexualität als eine Art Pflichtveranstaltung, der sie zerstreut und gelangweilt beiwohnen, ohne wirkliche Begeisterung dabei zu spüren. Sie haben insgesamt zu wenig Antrieb und Libido, und zusätzlich schiebt sich noch ihr eigenes Chaos immer wieder dazwischen.

Wenn hypoaktive AD(H)S-ler, die ihr Selbstbewusstsein sowieso nur mit Schwierigkeiten entwickelt haben, sehr scheu und verklemmt bleiben, haben sie umso größere Hemmungen, sich dem anderen Geschlecht zu nähern. Und manchmal große Schamgefühle, weil sie – auch Mitte Zwanzig noch – keine sexuellen Erfahrungen gesammelt haben.

Nicht alleine, nicht zusammen?

Wie geht das weiter...