RISIKOVERHALTEN – DAS SCHOCKT!

background130AD(H)S-ler sind die Abenteurer, die Extremsportler, die Experimentierer schlechthin. Es ist die Suche nach mehr, nach dem ultimativen Kick, nach Spannung und Grenzerfahrung, die sie antreibt; der Ehrgeiz, die eigenen Grenzen ausreizen zu müssen. Wir nennen AD(H)S-ler auch öfter Adrenalin-Junkies, weil sie sich mit diesen Extremerfahrungen ihren eigenen Kick suchen. Und auch dies lässt sie zu Abenteurern und Extremsportlern werden: Nur dann sind sie zufrieden, wenn sie für sich selbst immer wieder neue Rekorde aufstellen können. Du kennst das vielleicht auch, dass du Action als Herausforderung siehst und immer wieder diese Situationen suchst.

Dabei zeigt sich oft ein beträchtliches Risikoverhalten, denn nur das Verbotene und Risikoreiche hat seinen Reiz: Kein Berg ist zu hoch, kein Weg zu weit und richtig Spaß machen erst extreme Erfahrungen mit ordentlichem Nervenkitzel. Das Fahren auf der Autobahn kann so zum Autorennen an der Stoßstange des Vordermannes werden. Der selbstproduzierte Stress macht so manchen zum Getriebenen auf der Suche nach dem nächsten Kick. Wie lässt sich das erklären?

Man kann diese ständige, fast rauschhafte Suche nach dem Nervenkitzel als eine unbewusste Form der Selbstbehandlung verstehen: Je mehr Stress und Spannung, umso stärker wird im Gehirn die Produktion der Botenstoffe Adrenalin und Noradrenalin angekurbelt. Dies sind wichtige Hormone, die entscheidenden Einfluss auf die Gefühlsregulation haben. Unter sportlichen Höchstleistungen werden vom Gehirn außerdem Glückshormone, sogenannte Endorphine hergestellt. Diese vermitteln ein rauschhaftes Hochgefühl, ein High, und die Illusion, über alles erhaben zu sein und jede Grenze zu sprengen.

Nun werden aber AD(H)S-ler unter hohen Mengen von Adrenalin häufig ruhiger und entspannter, ja, sie sind geradezu heiter und gelassen bei Tempo 220 km/h auf der Autobahn (während sie im Stau einen tierischen Stress schieben und dann vor Wut ins Lenkrad beißen könnten). Auch Extremsportarten wie Bungee-Springen und Extrembergsteigen bringen diesen Adrenalin-Kick, der eben tatsächlich auch süchtig machen kann: Es kann zur Sucht werden, ständig nach solchen Herausforderungen zu suchen, die einen in Lebensgefahr bringen. Nicht umsonst haben AD(H)S-ler eine deutlich höhere Sterblichkeit, denn wegen ihrer Risikobereitschaft und Leichtsinnigkeit verunfallen sie häufiger und schwerer und sterben öfter dabei. (Übrigens: Wegen des größeren Risikos für Depressionen ist bei AD(H)S-lern auch die Selbstmordrate höher!)

Auch in diesem Zusammenhang gilt es, die Sucht – hier nach dem Risiko – zu erkennen und sich die eigene Verführbarkeit bewusst zu machen. Wenn du dich hier wiedererkennst, gestehe dir das ein und schaue mal nach, wie oft du dich schon in brenzlige Situationen gebracht hast und wie viele Schutzengel du bisher schon verschlissen hast. Verlass dich bloß nicht dar- auf, dass sie ewig auf dich aufpassen können. Wenn du bisher das Glück hattest, dass dir noch nichts Ernstes passiert ist, bedeutet das nicht, dass das auch für den Rest deines Lebens so bleibt. Die Mitte ist zwar langweilig, aber auf Dauer viel gesünder und erholsamer.background131

Werfen wir ruhig nochmal einen Blick in die Statistik: AD(H)S-ler haben eine 40% höhere Unfallgefahr und in 5% der Fälle verunfallen sie schwer. Insgesamt haben AD(H)S-ler mehr Verkehrsdelikte an der Backe, mehr Punkte, mehr Führerscheinverluste. Wenn wir diese Zahlen noch einmal hervorheben, dann geht es nicht um Spielverderberei. Du musst dir einfach ganz deutlich vor Augen führen: Es geht nicht nur um dein Leben, sondern auch um das Leben anderer Menschen. Ein Auto kann zu einem Geschoss und einer gefährlichen Waffe werden, wenn es unkontrolliert gefahren wird.

Es sind oft diese kleinen Flüchtigkeitsfehler und kleine Unachtsamkeiten, die zu fatalen Fahrfehlern werden können und womöglich andere mit in den Tod reißen. Es sind manchmal riskante Überholmanöver (weil man angeblich keine Zeit hat und irgendein schleichender Opa einen schon wieder mutwillig ausbremst), mit denen man das eigene Leben genauso wie das anderer aufs Spiel setzt – nur um zwei Minuten früher am Ziel anzukommen und dann wieder Stunden vor der Glotze zu hängen?

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DISSOZIALE ENTWICKLUNG BEIM AD(H)S

In diesem Zusammenhang müssen wir auch auf die Gefahr der dissozialen Entwicklung zu sprechen kommen: Der Begriff beschreibt ein Verhalten, das Regeln, Normen, Gesetze missachtet und in die Kriminalität führt. Damit verbunden sind Aggressivität sowie ein auffälliger Mangel an Einfühlungsvermögen, Schuldbewusstsein und Beziehungsfähigkeit. Leider gibt es da bei AD(H)S-lern auch eine Häufung – was keinesfalls heißt, dass alle AD(H)S-ler kriminell werden (aber einige eben schon). Prof. Rösler von der Uniklinik Homburg hat herausgefunden, dass 40% der jugendlichen Straftäter ein unerkanntes AD(H)S haben (vgl. Rösler 2003; Rösler et al. 2004).

Wir wissen, dass besonders diejenigen Jugendlichen ein höheres Risiko für Kriminalität haben, die als Kind sehr aggressiv waren und sich nur schwer in andere Menschen hineinfühlen können. Wenn man das nämlich kann – sich vorstellen, wie es einem anderen Menschen geht, wenn man gegen ihn gewalttätig ist oder ihn beklaut – dann macht man das nicht mehr so sorglos und leichtfertig, sondern entwickelt ein schlechtes Gewissen und genau das schützt einen davor, so eine Tat auszuführen.

AD(H)S-ler können aber auch Täter im Affekt werden, wenn ihnen also der Gaul durchgeht und sie unter Stress und Anspannung einfach ausrasten und die Kontrolle verlieren. So manches Beziehungsdrama ist auf das AD(H)S zurückzuführen. Dabei plant der AD(H)S-ler die Tat nicht, sondern er bekommt seine heftigen, gekränkten und wütenden Gefühle nicht in den Griff. Leider ist es schon mehrfach vorgekommen, dass ein Kind von seinem gestressten AD(H)S-Vater zu Tode geschüttelt wurde, obwohl der nie vorhatte, seinem Kind etwas zuleide zu tun. Von daher ist es einfach wichtig, den Stress nie zu stark werden zu lassen und lieber aus der Situation herauszugehen, als im Eifer des Gefechts die Kontrolle über das eigene Verhalten zu verlieren.

Bei Drogenabhängigkeit im Zusammenhang mit dem AD(H)S spielt natürlich auch noch die Beschaffungskriminalität eine Rolle. Das ist kein AD(H)S- typisches Thema, aber da Suchtprobleme bei AD(H)S-lern gehäuft auftreten, zeigt sich hier eben auch eine entsprechend gehäufte Beschaffungskriminalität.

 

Also, Leute: VORSICHT!!

Überlebt? Dann...

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