FAHRTÜCHTIGKEIT – MIT VOLLGAS IN DIE KURVE…

Wie oben schon erwähnt, können vor allem im Straßenverkehr durch die typischen AD(H)S-Symptome Unaufmerksamkeit und Impulsivität – für dich ebenso wie für andere Verkehrsteilnehmer – besondere Gefahren entstehen. Mehrere internationale Untersuchungen konnten den Nachweis führen, dass das AD(H)S einen erheblichen Anteil bei der Verursachung von Verkehrsunfällen hat. Vielleicht fällt dir ja auch auf, dass du es nicht ganz so ernst mit der Vorsicht im Straßenverkehr nimmst und viel lieber auf das Gaspedal als auf die Bremse drückst… Nun, jedenfalls erwischt man AD(H)S-ler häufiger als andere beim Fahren ohne Fahrerlaubnis und bei Geschwindigkeitsübertretungen; auch Lenkungsfehler und eine etwas schlechtere Reaktionszeit werden beschrieben (vgl. Fegert 2003). Dementsprechend verlieren sie ihren Führerschein häufiger als Altersgenossen. Allein deshalb sollte es in deinem Interesse liegen, dich mit dieser Frage zu beschäftigen und gegebenenfalls entsprechende Beratung in Anspruch zu nehmen.

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In unserer Gesellschaft gibt es nichts, was nicht irgendwie in irgendeiner Vorschrift geregelt wäre. So regelt die Fahrerlaubnisverordnung (FeV) die Grundlagen zur Feststellung und Prüfung (durch medizinische Gutachter) einer bedingten oder einer nicht vorhandenen Eignung zum Führen von Kraftfahrzeugen. Die darin aufgeführten Erkrankungen mit einem möglichen Einfluss auf die Führerscheintauglichkeit reichen von Sinnes- über Bewegungsbehinderungen, Diabetes, Herz- und Kreislauferkrankungen bis zu den Krankheiten des Nervensystems, psychischen und geistigen Störungen.

Das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom wird allerdings nicht explizit genannt. Daher kann derzeit davon ausgegangen werden, dass das AD(H)S nicht automatisch zu einer ärztlichen bzw. neuropsychologischen Begutachtung führen muss. Gegebenenfalls würde eine ärztliche Stellungnahme bei einem durch positive Weiterentwicklung bzw. erfolgreiche Behandlung stabilisierten Krankheitsbild die Fahrtauglichkeit bejahen. Allerdings stellt sich in diesem Zusammenhang ein weiteres Problem, nämlich eine mögliche Beeinflussung der Fahrtauglichkeit durch Medikamente, die AD(H)S-lern verordnet werden.

FAHRTAUGLICHKEIT UND MEDIKAMENTE

Die meisten Psychopharmaka enthalten in den Beipackzetteln Informationen bezüglich der Fahrtüchtigkeit. Stellvertretend für alle Methylphenidat (MPh) enthaltenden Medikamente seien hier die Warnhinweise für Ritalin® zitiert: „Ritalin® kann auch bei bestimmungsgemäßem Gebrauch das Reaktionsvermögen verändern. Sie können dann auf unerwartete und plötzliche Ereignisse nicht mehr schnell und gezielt genug reagieren. Fahren Sie nicht selbst Auto oder andere Fahrzeuge! Bedienen Sie keine elektrischen Werkzeuge und Maschinen! Arbeiten Sie nicht ohne sicheren Halt! Beachten Sie besonders, dass Alkohol Ihre Verkehrstüchtigkeit noch weiter verschlechtert.“

Zum retardierten MPh-Präparat Concerta® (das den Wirkstoff verzögert freisetzt) gibt es folgende Information : „Concerta® kann auch bei bestimmungsgemäßem Gebrauch das Reaktionsvermögen so weit verändern, dass z. B. die Fähigkeit zur aktiven Teilnahme am Straßenverkehr oder zum Bedienen von Maschinen beeinträchtigt wird. Dies gilt in verstärktem Maße in Zusammenwirken mit Alkohol.“

Bei dem Medikament Strattera®, das den – mit MPh nicht verwandten – Wirkstoff Atomoxetin enthält, wird darauf hingewiesen, dass die Einname zu Müdigkeit bzw. Schläfrigkeit führen kann. Daher sollte man bei der Teilnahme am Straßenverkehr oder beim Bedienen von Maschinen vorsichtig sein, solange man nicht weiß, wie man auf Strattera® reagiert. Da das Medikament erst seit fünf Jahren auf dem Markt ist, gibt es noch keine fundierten Untersuchungen zu diesem Thema, sodass der Hinweis ernst genommen werden muss.

Wenn aber die Zulassungsbehörde (vor allem bei Methylphenidat) vorsichtshalber von einer Medikation abrät, die die neuropsychologischen Leistungen von Betroffenen nachweislich verbessert – empfiehlt sie dann nicht möglicherweise genau das Falsche? In Wirklichkeit zeigt nämlich die tägliche Erfahrung mit AD(H)S-lern, dass ihre Unaufmerksamkeit bzw. Impulsivität unter der medikamentösen Behandlung deutlich nachlassen, die Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer zunehmen und dadurch die Unfallgefahr minimiert wird. Gestützt wird diese Erfahrung durch wissenschaftliche Studien, die ebenfalls sehr eindrucksvoll belegen, dass die regelmäßige Einnahme von Methylphenidat das Unfallrisiko eher vermindert und die Fahrleistung eher verbessert (vgl. Cox et al. 2000).

Unabhängig von diesen Erkenntnissen solltest du zusammen mit den behandelnden Ärzten und Therapeuten die erhöhten Risiken und die Frage der Verantwortung im Straßenverkehr ausführlich diskutieren. Dies beginnt nicht erst im Zusammenhang mit dem Führerscheinerwerb, sondern schon mit dem Problem des Helmtragens beim Fahrradfahren!

An die Waffen!?

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