Schule und Beruf – Erkenne dich selbst!

Als „eine besondere Art zu sein“ bringt das AD(H)S ganz außergewöhnliche Fähigkeiten mit sich – aber eben auch ganz typische Schwächen. Sich hier mit sich selbst gut auszukennen, ist für AD(H)S-ler also besonders im Hinblick auf eine sichere Entscheidung bei der Berufswahl absolut notwendig.

background142Wir haben es bereits oben thematisiert: Es ist leider immer noch häufig so, dass AD(H)S-ler mit ihren Schul- und Berufsabschlüssen unter ihren Möglichkeiten bleiben; dass der Intelligenzquotient und das eigentliche Potential, d.h. die schlummernden Möglichkeiten, viel höher liegen, als der erreichte Abschluss aussagt. Das passiert, weil durch die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörung in der Schule immer wieder (Flüchtigkeits-)Fehler gemacht werden, die natürlich – falsch ist falsch – gewertet werden müssen, und zwar unabhängig davon, ob sie auf Achtlosigkeit beruhen oder der Stoff überhaupt nicht begriffen wurde. Mit diesen elenden Flüchtigkeitsfehlern hat sich schon so mancher AD(H)S-ler die Noten versaut. Wenn man zusätzlich noch hyperaktiv und impulsiv ist und immer das letzte Wort haben muss, hat man sich schnell alle Sympathien der Lehrer verspielt (die dann im Zweifelsfall die schlechtere Note geben). Das findet der AD(H)S-ler natürlich ganz gemein und ungerecht, doch helfen tut ihm das nicht, denn mit Lehrern kann man im Allgemeinen nicht über Noten diskutieren.

background143Nun hat der AD(H)S-ler ja leider auch noch diesen großen inneren Schweinehund, der den Zugang zur Selbstmotivation blockiert und sich nur mit größter Mühe beiseite schieben lässt. Manchmal hat der AD(H)S-ler einfach Pattex am Hintern, wenn es darum geht, unangenehme Aufgaben zu erledigen oder sich ans Lernen zu machen. Wenn er überhaupt irgendwie in die Gänge kommt, macht er halt die Sachen nicht richtig zu Ende, schusselt herum, ist manchmal total verpeilt – und diskutiert auch noch endlos! Das sind jetzt leider wirklich nicht die Burner auf dem Weg zum Erfolg…

Du kennst das vielleicht ein bisschen, dass man sich nur wenig zutraut und ständig an sich zweifelt, wenn man so häufig Misserfolge hat und schlechte Erfahrungen machen muss. Wenn du aber an dir zweifelst, entwickelst du nur ein geringes Selbstvertrauen; andere merken das und zweifeln dann auch an dir, denn Zweifel sind ansteckend. Und so kann die Negativspirale immer weiter abwärts gehen. Wenn du dann auch noch trotzig, auflehnend, provozierend und mit einer Null-Bock-Haltung reagierst, wird es kritisch mit deiner Karriere…

Andererseits – manche Dinge können AD(H)S-ler auch ganz besonders gut! AD(H)S-ler sind kreative Menschen, die sehr begeisterungsfähig sein können und hoch engagiert, wenn das Ziel ihres Einsatzes sie interessiert. Sie können originell, witzig und neugierig sein. Außerdem sind sie flexibel, schnell und innovativ. AD(H)S-ler können auch einen großen Gerechtigkeitssinn entwickeln und wie die Löwen kämpfen. Ohne AD(H)S-ler wäre unsere Welt eben ein Stück ärmer.

STÄRKEN DER AD(H)S-LER´

Rufe dir nochmal diesen Leitspruch aus dem 1. Kapitel in Erinnerung:

Die Stärken von Menschen mit AD(H)S liegen also häufig im kreativen Bereich, in der Entwicklung von neuen Ideen, in Spontan- und Rettungsaktionen und im Bewegungsbereich. AD(H)S-ler können eine Fülle von Ideen haben und ein wahres Feuerwerk von Einfällen abbrennen, aber sie haben Schwierigkeiten mit der Umsetzung, mit Genauigkeit, Zuverlässigkeit und dem richtigen Timing.

Hypies können gut im Medienbereich arbeiten, weil es da immer um neue Nachrichten geht, die man nicht allzu sehr vertiefen muss. Sie können gute Rettungssanitäter sein, sich in künstlerischen Bereichen verwirklichen oder sich in sozialen Berufen für spezielle Menschengruppen selbstlos einsetzen, die ihnen am Herzen liegen. Ganz besonders gut sind sie am PC, weil dieser Job viel Abwechslung verspricht und durchaus auch Herausforderung und Anerkennung bedeutet.

Für Hypos kann es allerdings schwerer sein, eine langfristige Tätigkeit zu finden, für die sie sich begeistern können. Am besten geht es noch in den Bereichen, für die sie von sich aus ein großes Interesse mitbringen. Sie brauchen aber meist Aufgaben, die nicht gerade Action und Schnelligkeit erfordern, sondern solche, bei denen sie ihr eigenes Tempo leben können und das ist im Allgemeinen etwas langsamer als bei den meisten anderen. Hypos haben ihre Stärken oft in sozialen Bereichen, weil man hier von ihrem großen Gerechtigkeitssinn und ihrem oft ebenso ausgeprägten Einfühlungsvermögen profitiert. Ihre Dünnhäutigkeit ist ja gleichzeitig auch ihre Empfindsamkeit und ihre Fähigkeit, selbst Nuancen (Feinheiten) genau wahrzunehmen – Eigenschaften, die in sozialen Bereichen sehr wichtig sind.

Was AD(H)S-ler nicht gut können, sind monotone Tätigkeiten, die Genauigkeit, Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen erfordern – da empfinden sie sofort unendliche Langeweile, die AD(H)S-lern bekanntermaßen große Probleme bereitet. Du kennst diesen Effekt wahrscheinlich auch sehr gut von dir selbst: Arbeiten, die du spannend findest, gehen dir sehr gut von der Hand; andererseits erlebst du es als Zumutung, Pflichten zu erfüllen, deren Sinn du nicht einsiehst und die du überhaupt nicht spannend findest. Als AD(H)S-ler brauchst du zwar ein gutes Maß an kreativer Freiheit, aber du bist ebenso auch auf Strukturen und Kontrolle angewiesen. Du kennst das ja mit dem inneren Schweinehund, der sich nur dann in Bewegung setzt, wenn es wirklich sein muss: Hast du niemanden, der dich kontrolliert und dir klare Vorgaben macht, ist – wenn du ehrlich bist – die Gefahr groß, dass du gar nichts auf die Reihe kriegst und dich in Dinge vertiefst, die dir gerade in den Sinn gekommen sind und dir Spaß verheißen.

Selbständigkeit scheint für die Freigeister mit AD(H)S eine tolle Option zu sein, doch so verlockend es klingt – so mancher AD(H)S-ler ist schon mit glänzenden Ideen Konkurs gegangen, gerade weil es eben oft so schwerfällt, sich um Formalitäten und Geschäftsabläufe zu kümmern, um so langweilige Nebensächlichkeiten wie Steuererklärungen, Umsatzsteuer und offene Rechnungen.

Wenn du nun nach einem Beruf suchst, schau in allererster Linie einmal danach, wozu du dich berufen fühlst: Was macht dir wirklich Spaß? Nur in diesen Bereichen wirst du richtig gut werden, denn du kannst dann deine Fähigkeit zum Hyperfokussieren nutzen.

Wenn möglich, suche nach einer Ausbildung, die eher streng ist, klare Vorgaben macht und bei der regelmäßige Lernkontrollen angesagt sind. Da sie viel mehr Strukturen haben, sind Fachhochschulen im Allgemeinen für AD(H)S-ler besser geeignet als Massenuniversitäten. Fachhochschulen sind kleiner, gewöhnlich kennen die Professoren ihre Studenten noch und es bestehen persönlichere Beziehungen. Es geht weniger anonym zu und die Präsenzpflicht wird ernster genommen. In einer großen Universität, wo Hunderte von Studenten gleichzeitig in einem Fachbereich anfangen und wo selbst am Anfang eines Semesters kaum ein Sitzplatz zu ergattern ist, fällt kaum auf, ob du da bist oder nicht. So besteht für dich die große Gefahr, dass du in der Menge untertauchst und dein innerer Schweinehund den Sieg spielend davonträgt. Und da sich die meisten AD(H)S-ler ohnehin immer wieder in der Kunst der Selbstausreden üben, finden sie auch immer wieder ein (wenn auch nur für sie selbst) schlagendes Argument, warum man gerade heute nicht zur Uni muss. Ein gewisses Maß an Zwang und Regeln muss sein, denn sonst kann es sein, dass du völlig versackst. Es ist einfach besser, sich das einzugestehen, als sich immer vorzumachen, man hätte alles im Griff.

Auch in den Schulen ist es natürlich von Vorteil, wenn die Klassen klein sind und die Lehrer einen spannenden Unterricht machen. Am besten sind strenge, aber gerechte Lehrer, denn – sei mal ehrlich – wenn du nicht gezwungen wirst, tust du einfach gar nichts.

Solltest du bisher nicht die Schulbildung oder den Schulabschluss erlangt haben, den du dir vorgestellt hattest, solltest du wissen: AD(H)S-ler sind ganz oft Spätzünder. Es ist für einen AD(H)S-ler ziemlich normal, dass er den gradlinigen Weg nicht auf Anhieb findet, sondern die eine oder andere Ehrenrunde dreht und so manchen Umweg in Kauf nehmen muss, weil er in seiner Jugend so einiges verpeilt hat. Zum Glück lässt sich doch vieles später nachholen, wenn es auch mühsamer ist, als das Ziel von Anfang an im Blick zu behalten. Es ist wichtig, dass du jetzt nicht aufgibst. Es gibt eine ganze Menge Möglichkeiten, zum Ziel zu kommen, und das Schulsystem ist insgesamt doch durchlässiger geworden. Nimm immer wieder einen neuen Anlauf, auch wenn es beim ersten Mal nicht geklappt hat.

In jedem Fall müssen AD(H)S-ler eine gewisse Hartnäckigkeit lernen, sowie Durchhaltevermögen und Selbstdisziplin. Das klingt zwar ziemlich langweilig, man lebt aber besser damit. Gib nur nicht zu schnell auf, sondern denke daran: Misserfolge und Niederlagen gehören zum Leben und die erfolgreichen Menschen sind nicht die, die nie gescheitert sind, sondern die, die immer wieder aufstehen und ihre Ziele erneut ins Auge fassen.

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