GEFÜHLSKONTROLLE UND GEFÜHLSREGULATION

Alle Menschen haben im Laufe ihres Lebens irgendwelche Probleme, und natürlich haben alle Menschen auch immer mal wieder Schwierigkeiten, ihre Gefühle zu kontrollieren. AD(H)S-ler haben solche Probleme allerdings ein bisschen häufiger und ein bisschen heftiger. Für alle jedoch gilt es im Leben, gute Problemlösestrategien und einen angemessenen Umgang mit Gefühlen zu entwickeln.

Kleine Gefühlskunde  – Über die Kunst, Gefühle wahrzunehmen, zu benennen und sie dann loszulassen

Gefühle sind uns Menschen eigen und sie sind ein untrennbarer Bestandteil unserer Existenz. Gefühle sind wichtig, weil sie uns helfen, die Welt genauer wahrzunehmen und Situationen besser einzuschätzen. Mit Gefühlen setzen wir auch Verhaltensprogramme in Gang, speichern Erfahrungen und werten diese aus. Weiterhin helfen sie uns dabei, unsere Mitmenschen besser zu verstehen und unser Zusammenleben zu regulieren.

Gefühle geben uns außerdem Orientierung, lassen uns lieben und bereichern unser Leben auf wundervolle Weise. Sie lassen in uns aber auch Leid, Schmerz, Trauer und Wut entstehen. Jeder von uns erfährt in seinem Leben den Wechsel von Licht und Schatten, ja wahrscheinlich sollten wir uns darüber wirklich freuen, dass wir auch Zeiten des Leidens und der Misserfolge kennen: Gerade aus dieser Gegensätzlichkeit heraus wissen wir es erst bewusst zu schätzen, wenn es uns gut geht. In der Sahara wird kein Mensch sich wirklich darüber freuen, wenn wieder die Sonne scheint – er wird den Regen herbeiwünschen; in Schottland dagegen ist ein Sonnentag ein großes Geschenk.

So ist es für jeden von uns eine ganz persönliche Lebensaufgabe, auch die negativen Seiten des Lebens anzunehmen und den Umgang mit den eigenen negativen Gefühlen zu lernen. Negative Erfahrungen sind im Leben unausweichlich und Teil unserer Existenz. Aber auch das Negative entsteht und vergeht… Und wenn wir eine gute Haltung zu den Schwierigkeiten und negativen Gefühlen in unserem Leben finden, können wir viel besser damit umgehen. An jeder Krise können wir wachsen, und aus allen Problemen lässt sich etwas über das Leben oder über uns selbst lernen. Wichtig ist also eigentlich weniger, was in unserem Leben geschieht, als vielmehr, welche Haltung wir dazu einnehmen und welche Lösung wir für unsere Probleme finden.

Wie gesagt: Gerade mit AD(H)S ist es schwierig, mit heftigen negativen Gefühlen umzugehen. Du weißt ja wahrscheinlich wie das ist, wenn dir bei Kleinigkeiten die Stimmung entgleist, wenn du so urplötzlich wütend und ärgerlich wirst. Du hast nun aber die Freiheit, in Bezug auf wirklich alles, was in deinem Leben passiert, sehr unterschiedliche Lösungswege zu finden: Wenn du dich gekränkt oder verletzt fühlst, kannst du dich darüber tierisch ärgern, dich heftig aufregen, dich beleidigt zurückziehen oder sogar depressiv werden. Natürlich gäbe es da noch ganz viele andere Möglichkeiten…

Wir wollen dir hier Wege aufzeigen, wie du mehr Abstand zu negativen Gefühlen bekommen und gelassener mit ihnen umgehen kannst. Vielleicht sind für dich manche Gesichtspunkte neu oder ungewohnt, aber versuch doch trotzdem background176einmal, dich auf diese Ideen einzulassen.

Zunächst einmal: Wir fühlen immer. Unsere Gefühle schwanken dabei häufig und so erleben wir ständige Veränderung, weil die Welt um uns herum sich ständig ändert und wir uns mit ihr.

Gefühle sind wie Wellen, sie kommen und gehen, und wir haben die Möglichkeit und die Freiheit, sie achtsam zu begleiten und ohne Bewertung vorbeiziehen zu lassen.

Es ist für dich möglicherweise eine neue Sichtweise, dass Gefühle zu haben nicht gleichzeitig bedeutet, diese auch ausdrücken oder mitteilen zu müssen. Du kannst Rituale lernen, um mit ihrer Hilfe unangenehme und heftige Gefühle loslassen zu können. Gerade für AD(H)S-ler mit ihren heftigen und stürmischen Gefühlen geht es darum, Achtsamkeit, Gelassenheit und Loslassen zu üben. Zur Achtsamkeit gelangen kannst du über dein Hilfs-Ich, den äußeren Beobachter (s. Kap. 4.2). Er kann dir helfen, dich genauer wahrzunehmen und dir deine Gefühle bewusster zu machen.

Gelassen sein ist eine innere Haltung, ein Geschenk, dass du vor allem dir selbst machst. Den eigenen Frieden zu finden ist so viel mehr wert, als in einem verbissenen Kampf Punktesieger zu werden, denn in einem Kampf- und Kriegszustand verlieren letztlich beide, weil er so viel Lebensqualität kostet. Leider besitzen viele AD(H)S-ler einen Kampf- und Rechthaberreflex und sie achten zu wenig auf den Preis, den auch sie dafür zahlen. Kennst du das auch, dass es dir öfter schwer fällt mit jemandem Frieden zu schließen, weil du dich dann als der vermeintlich Schwächere empfinden würdest? Dann wirst du vielleicht auch schon gemerkt haben, dass sich der Energieaufwand und all die schlechte Laune, die das Kämpfen verursachen, gar nicht lohnen. Letztlich vergiftest du nämlich deine Beziehungen damit und die negative Energie zieht auch dich selbst nach unten.

Gelassen sein hat auch etwas mit lassen zu tun, und auch dies ist eine besondere Bewusstseinshaltung. Du musst dir immer wieder klar machen, dass du anderen Menschen viel Macht gibst, wenn du dich über sie ärgerst oder dich aufregst. Du selbst entscheidest, wie du auf bestimmte Verhaltensweisen deiner Mitmenschen reagieren willst. Möchtest du dich tierisch über sie ärgern und dich noch 10 Jahre daran erinnern? Oder sollest du sie lassen? Du hast immerhin die Freiheit, deinen Groll loszulassen…

Wer oder ob dich jemand ärgert, entscheidest immer noch du selbst!

Wenn du diesen Satz wirklich verinnerlicht hast, dann bist du auch in der Lage, anderen Menschen die Macht über dich zu entziehen und im richt gen Augenblick loszulassen.

AD(H)S-ler sind ja häufig große Kämpfer und leider schnell dabei, sich in verbissene Kämpfe zu stürzen, die viel Energie und Lebensqualität kosten. Fühlst du dich auch so schnell angegriffen? Ist dann dein Grundreflex, zu kämpfen oder dich verteidigen zu müssen? Viele AD(H)S-ler sind nämlich wahre Meister darin, sich an etwas festzubeißen, sich tierisch zu ärgern oder aufzuregen und sich in Endlosdiskussionen zu verlieren, bei denen sie immer das letzte Wort haben müssen. Sie können dann eben nicht loslassen und sehen nichts anderes mehr als ihren Ärger oder ihr vermeintliches

„Zukurzgekommensein“. Du solltest dir daher angewöhnen, immer erstmal ganz ruhig zu überprüfen, ob der andere wirklich dein Feind ist – vielleicht hat er nur eine unbedachte Bemerkung gemacht, die du in den falschen Hals bekommen hast? Denke bitte immer daran, dass du eventuell auch überempfindlich reagieren könntest und dies zu einer Fehlbewertung der aktuellen Situation, zu unnötiger Feindseligkeit und unangemessener Heftigkeit deinerseits führen kann. Hier ist noch so ein Satz, den du dir einprägen solltest:

Alles, womit man sich beschäftigt, wächst.

Gemeint ist damit, dass dein Ärger umso mehr wächst, je intensiver du dich damit beschäftigst. Widmest du aber den positiven, erfreulichen Erlebnissen mehr Zeit und Aufmerksamkeit, so gedeihen eben die. Es ist immer deine Wahl, was du in deinem Leben düngst – die allerwenigsten Menschen machen sich diesen Zusammenhang bewusst.

Nun, was kannst du also jetzt selbst tun, wenn dich jemand total wütend macht und ärgert, dich kränkt und verletzt? Schreibe dir ein paar geeignete Sätze ins Gedächtnis, die dein Hilfs-Ich immer dann sagen kann, wenn du wieder dabei bist, von heftigen Gefühlen übermannt zu werden: Mit solchen positiven Bestärkungen, die wir als Affirmationen bezeichnen, kannst du dein Fühlen, Denken und Handeln beeinflussen. Sie lassen sich immer dann gut einsetzen, wenn man spürt, dass sich eine hohe Gefühlswelle auftürmt, die einen zu überfluten droht.

Versuche als erstes, die Position deines Hilfs-Ich einzunehmen und genau zu beobachten, was du fühlst, was du denkst, wie du handelst. Versuche dann, die Situation zu entschleunigen, cool zu bleiben und Zeit zu gewinnen.

Mache dir deine Gefühle bewusst und versuche, sie ohne Bewertung anzunehmen. Das bedeutet, dass du zunächst hand_rettungsringeinfach für dich zur Kenntnis nimmst: „Dies macht mich wütend“, oder: „Dies hat mich gekränkt.“ Dabei formulierst du – auch in Gedanken! – keinerlei Verurteilung nach dem Motto: „Finde ich blöd, gemein, unfair, ungerecht…“ Bewertungen finden ihren Ausdruck in Sätzen wie: „Das finde ich blöd! Ich meine, das war unfair!“, während sich Selbstwahrnehmung so ausdrückt: „Ich bin wütend, traurig, verletzt…“

Stelle dir nun vor, dass du diese Gefühle loslassen und dich von ihnen abkoppeln kannst: „Ich habe das Gefühl, aber ich bin nicht das Gefühl und muss ihm auch nicht nachgeben.“ Wenn du alleine bist, kannst du hilfreiche Sätze auch laut zu dir selbst sagen, z. B.: „Den Schuh ziehe ich mir nicht an!“ – „Kleinen Lichtern soll man nicht so viel Bedeutung geben.“ – „Arme Socke, der war aber schlecht gelaunt…“ – „Schade, dass der das nicht anders sagen kann.“

Wenn du nicht alleine bist, hilft es auch, wenn du dir diese Sätze im Stillen für dich denkst. Vor allem aber erinnere dich immer daran, dass du keine Macht darüber hast, was andere Menschen tun oder sagen, sehr wohl aber darüber, wie du selbst darauf reagierst und welche Bedeutung du diesem Ereignis beimisst: Du kannst selbst wählen, ob und wie lange du dich ärgern willst und ob und wann du diesen ärger loslassen möchtest.

Erfinde am besten auch selbst Sätze, die für deine Situation zutreffen, aber tue dies in einer ruhigen Minute, denn im Eifer des Gefechts bist du wieder zu schnell im Kriegszustand und beim Kämpfen – die wirklich guten und schlagertigen Sätze fallen dir dann bestimmt nicht ein. Du kannst dir gute Sprüche für solche Situationen auch aufschreiben, dann erinnerst du dich besser daran, wenn du sie brauchst.

Mache dir bitte wieder und wieder klar, dass du selbst immer genauso verlierst, wenn du kämpfst – schließlich kostet es in jedem Fall auch deine Energie und Lebensqualität. Die Kunst im Leben ist es, einen klaren, deutlichen Standpunkt zu vertreten, und das kann man auch nett und freundlich tun. Mit freundlicher Beharrlichkeit kommt man meist weiter als mit verbissenem Kampf.

Versuche also, dem Negativen in deinem Leben nicht mehr so viel Macht und Bedeutung zukommen zu lassen; wenn es aber unumgänglich ist, dann lass es möglichst schnell wieder los. Sieh es wie bei einer Autobahnfahrt: Du kommst manchmal (auch ohne es zu wollen) auf diese gewohnte Spur des Kampfes und der Rechtfertigung. So bald du aber bemerkst, dass du die falsche Strecke genommen hast, kannst du dich neu entscheiden, die nächste Abfahrt nehmen und die Autobahn schnellstmöglich verlassen. Denn je länger du auf dieser Autobahn unterwegs bist, desto schlechter wird deine Laune…

Und schließlich noch eine kleine Bemerkung zum Thema sozialverträgliche Verhaltensweisen: Ein wunderbares Wort ist schade. Du kannst so viel damit sagen, ohne Vorwurf und Anklage und ohne zu kränken oder zu provozieren. Und doch macht es den anderen nachdenklich. Probiere es doch einfach öfter einmal aus: „Schade, dass du wieder so geschrien hast, ich hätte mir gewünscht, dass…“ Oder: „Schade, dass du wieder den Abfalleimer nicht mit hinunter genommen hast, jetzt muss ich ihn hinunter tragen.“

Lass uns noch einmal zusammenfassen:

background180Es ist wichtig für dich, deine Gefühle wahrzunehmen, ohne sie zu bewerten. Lass dich nicht von deinen Gefühlen überwältigen, sondern versuche, die Oberhand zu behalten. Du bist der Boss in deinem Leben und nicht deine Gefühle.

Trotzdem wird es immer mal wieder in deinem Leben passieren (besonders wenn du gestresst und gereizt bist), dass du die Kontrolle über deine Gefühle zu verlieren drohst. Du eri nerst dich an das Rumpelstilzchen? Wieder ist es gut, wenn du diesen Rumpelstilzchen-Zustand möglichst früh bemerkst, nach dem Motto: „Vorsicht, bin gleich am explodieren!“ Und wieder hilft das Fragenstellen und das Hilfs-Ich:

  • Was sind die Folgen, wenn ich explodiere und ausraste?
  • Welche Möglichkeiten habe ich, die Kontrolle zu behalten?
  • Was hat mir bisher geholfen und was muss ich noch lernen?
  • Wenn du wieder entgleist sein solltest, schreibe dir die Situation auf und versuche, die Fehler zu ermitteln. Eine  solche Fehleranalyse ist immer wieder nötig, denn nur so kommt man weiter: Nicht aufgeben, sondern dazulernen!
  • Denke immer wieder daran, dass du deine Person und deine Gefühle entkoppeln kannst, statt auszuflippen

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Du hast immer die Wahl, was du mit deinen Gefühlen anfängst. Du hast aber nicht die Wahl, welche Gefühle du hast. Du kannst lernen, negative Gefühle abzukoppeln, sie loszulassen und den Scheinwerfer deiner Aufmerksamkeit auf andere, erfreulichere Dinge zu richten. Dabei hilft dir jetzt sogar ausgerechnet dein AD(H)S: Du kannst nämlich in solchen Situationen deine enorme Ablenkbarkeit ausnutzen und versuchen, deinen Scheinwerfer der Aufmerksamkeit ganz bewusst in eine andere Richtung zu lenken, um auf andere Gedanken zu kommen. Mit deiner Sprunghaftigkeit dürfte es dir nicht schwerfallen, dich ganz elegant aus der negativen Situation herauszukatapultieren.

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Wir haben gesehen, dass die Gefühlskontrolle vor allem dann schwierig wird, wenn Gefühle wie Wut und Ärger im Spiel sind. AD(H)S-ler reagieren hier oft heftig, ungestüm, zu spontan und unreflektiert – „Erst gemacht und dann gedacht“. Sie können wahre Hitzblitze und HB-Männchen sein, die schnell aus der Haut fahren und ihre Mitmenschen damit heftig kränken können.

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AD(H)S-ler können eine Art Schnellschussanlage haben, die sehr schnell losfeuert und so sind sie manchmal selbst bei den normalsten Gesprächen so aufgestachelt, als würden sie sich auf dem Kriegspfad befinden.

Vielleicht kennst du das auch: Je mehr du unter Stress stehst, desto größer ist die Gefahr für dich, dass du emotional entgleist. AD(H)S-ler sind spontaner, überschießender, damit aber nicht selten auch enthemmter und verletzender und für ihre Mitmenschen sehr anstrengend. Falls das bei dir so ist, so ist es hilfreich, wenn du lernst, dich selbst besser zu regulieren und sozialverträglichere Verhaltensweisen anzunehmen.

Um das besser verstehen zu können, müssen wir einen kurzen Ausflug in die Kommunikationswissenschaft unternehmen. Wir versuchen das mal sehr einfach darzustellen: In jeder Kommunikation, jedem Informationsaustausch unter Menschen gibt es verschiedene Ebenen. Die erste Ebene ist die Sachebene, wo es tatsächlich um ein konkretes Thema, Argumente und Einstellungen geht. Unter dieser Sachebene musst du dir eine Gefühlsebene und eine Beziehungsebene vorstellen. Mögen deine Argumente auch noch so gut sein, grundsätzlich gilt, dass du niemanden überzeugen wirst (auf der Sachebene also nichts erreichen kannst), wenn die Beziehungsebene und die Gefühlsebene gestört sind. Und genau dies wird nur allzu gerne von AD(H)S-lern außer Acht gelassen, die doch immer wieder versuchen, in zermürbenden Endlosdiskussionen gebetsmühlenartig wieder und wieder die gleichen Argumente vorzubringen – und dabei vergessen, dass die Beziehungsebene durch ihr Verhalten total belastet wurde.

Man kann noch so im Recht sein – wenn man schreit, kränkt und beleidigt, setzt man sich damit ins Unrecht. So wird man andere nicht überzeugen können, denn niemand mag sich von noch so guten Argumenten beeindrucken lassen, wenn er sich nicht wertgeschätzt fühlt oder gar durch heftige Gefühlsausbrüche gekränkt oder beleidigt wurde. Nicht, dass der AD(H)S-ler dies mit Absicht tut, aber im Eifer des Gefechts vergisst er jede Angemessenheit. So steigert er sich schnell (und für ihn unmerklich) in Gefühle hinein (die er ja für völlig normal hält), ohne mitzubekommen, dass er andere dadurch herabwürdigt – oder schon längst zum beleidigten Rückzug gezwungen hat. Ein AD(H)S-ler gleicht dann nicht selten einem Gorilla, der auf einer Palme sitzt und mit Kokosnüssen um sich wirft.

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Trifft er einen anderen, der das genauso macht, dann kann es zu weiteren Ausuferungen führen und beide können sich dann mit Worten oder auch körperlich sehr verletzen. In solchen Situationen sind AD(H)S-ler für vernünftige Argumente und konstruktive Diskussionen nicht zugänglich. So lange sie oben auf der Palme sitzen und mit der eigenen Selbstverteidigung beschäftigt sind, besteht von ihrer Seite aus keine Bereitschaft, andere zu verstehen oder sich besänftigen zu lassen.

Es ist für AD(H)S-ler wichtig, sich selbst einzugestehen, dass sie in einem solchen Zustand einfach ungenießbar sind. Sie sollten sich die Zeit bzw. eine Auszeit nehmen, um von der Palme herunterzukommen und die Welt wieder nüchtern zu betrachten: Auszeit statt ausrasten. Denke immer daran, dass du auch mit Worten (Kokosnüssen) ganz viel Porzellan zerschlagen kannst: Worte sind wie Waffen; die Verletzungen, die sie zufügen, können nicht ohne Weiteres wieder rückgängig gemacht werden.

Die ehrlichste Entschuldigung hat nämlich irgendwann keinen Wert mehr, wenn die Kränkungen immer wieder von neuem geschehen und AD(H)S- ler aus ihrem Verhalten nichts lernen. Falls du diese Problematik auch gut kennst, geht es auch für dich darum zu begreifen, dass du deine heftigen Gefühle nicht einfach in die Welt schleudern kannst. AD(H)S-ler sind hier nämlich manchmal wie kleine Bomben mit einer ganz kurzen Zündschnur, an die man nur ein Streichholz halten muss und schon explodieren sie.

Es gibt da noch einige Tricks, mit dem eigenen Ärger umzugehen. Stelle dir deinen Ärger vor und versuche dann, ihn in kleine Kästchen oder eine Truhe zu packen und den Deckel zu verschließen. Oder du kannst dir vorstellen, Unangenehmes wie auf einem Fließband zu sortieren – entscheide selbst, welchen Ärger du vorbeiziehen lässt und mit welchem du dich weiter beschäftigen möchtest. Setz dich aufrecht hin und sprich dir selbst Mut zu mit Formulierungen wie etwa: „Ich lasse mich nicht aus der Fassung bringen.“

Natürlich ist es immer wichtig, dass du deine Gefühle ehrlich und aufrichtig lebst. Dies solltest du aber angemessen und sozialverträglich tun, weil es nicht egal ist, wie du etwas sagst. Deine Mitmenschen brauchen deinen Respekt und deine Wertschätzung – schließlich forderst du dies umgekehrt ja auch ein! Wusstest du, dass 80% der Kommunikation über sogenannte nonverbale Mitteilungen wie Stimme, Tonlage, Gestik, Mimik, Blick usw. läuft? Während sie immer wieder versuchen, den anderen mit Worten und Argumenten niederzukämpfen, vergessen AD(H)S-ler leider allzu schnell, dass der Ton die Musik macht.

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Lass uns also rekapitulieren: Du wirst Techniken einüben müssen, mit denen du lernen kannst, die Zündschnur zu verlängern oder – noch besser – die eigene Bombe ganz zu entschärfen und Gefühle besser unter Kontrolle zu bekommen.

Noch einmal: Zunächst geht es um die Achtsamkeit, mit der du die Situationen wiedererkennen kannst, in denen du typischerweise dazu neigst, zu explodieren oder unangemessen heftig zu reagieren. Dies geschieht meistens in Stresssituationen.

„Sortieren statt explodieren und Zeit gewinnen!ist hier das Motto, denn das Wichtigste in solchen Momenten ist wahrnehmen, entschleunigen.

Es wird dir helfen, wenn du jetzt dein Hilfs-Ich, den äußeren Beobachter einschaltest, um erst einmal Zeit durch Beobachtung und Selbstanalyse zu gewinnen. Der Zeitfaktor ist deshalb so entscheidend, weil es für dich darum geht, nicht aus dem Bauch heraus zu handeln, sondern auf deine innere Stimme zu hören. Diese Stimme ist zunächst sehr leise und du brauchst Bewusstheit und Entschleunigung, damit du sie wahrnehmen kannst.

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold – vielleicht gilt das für AD(H)S-ler mehr als für alle anderen: Im Zweifelsfall ist es erst einmal sinnvoll, den Mund zu halten und die Gefühle und Gedanken zu sortieren, anstatt impulsiv zu handeln und wieder Porzellan zu zerschlagen. Gegebenenfalls muss man zu diesem Zweck über manche Probleme und Entscheidungen tatsächlich auch erst eine Nacht schlafen. Dass AD(H)S-ler alles jetzt sofort wollen, gilt – wen wundert’s – auch für Konfliktlösungen. Aber sieht für dich nicht auch vieles ganz anders aus, wenn du dich etwas abgekühlt hast? Was morgen noch wichtig ist, kann auch morgen geklärt werden, und viel Ärger verraucht, wenn etwas Zeit verstreicht. Du siehst also, auch für dich wird es viel besser sein, etwas Zeit vergehen zu lassen.

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Wir haben hier noch den einen oder anderen kleinen Kniff, den du brauchen kannst, wenn du im Begriff bist auszurasten. Du kannst z. B. unmerklich deine Faust in der Hosentasche ballen, einfach bis 20 zählen, oder dir den Satz sagen: „Sei jetzt still und gib dir ein paar Minuten.“ Wir finden auch die Technik des Indianerschreis hilfreich: Indianer konnten nicht laut schreien, wenn sie wütend waren, sonst hätten ihre Feinde sie ja gleich entdeckt. Der Indianerschrei geht also lautlos nach innen.

Probier das mal aus: Schreien, ohne dass es jemand hört. Das muss man etwas üben, aber es funktioniert gut. Und kannst du dir inzwischen denken, was der eigentliche Vorzug einer Zigarettenpause ist? Sie liefert eine kleine Auszeit. Um dir die zu gönnen, brauchst du nicht mit dem Rauchen anzufangen; es reicht auch das gute alte: „Ich muss mal eben an die frische Luft!“ Zusätzlich kannst du Ruhe und Gelassenheit an einem Punkt auf deinem Körper ankern, d.h. diesen Haltungen eine bestimmte Stelle zuordnen. Dann kannst du trainieren, dir solche Empfindungen durch Berührung ihres Ankerpunktes quasi körperlich in Erinnerung zu rufen – sehr hilfreich, wenn die Wut in dir hochsteigt!

Wir hatten im Abschnitt über Beziehungen, Freundschaft und Partnerschaft schon darauf hingewiesen: Vieles wird schon leichter, wenn man nahestehenden Menschen eine Anleitung zum Umgang mit den wiederkehrenden Schwierigkeiten bei einem AD(H)S gibt. Bitte sie also ruhig auch darum, dir in Konfliktsituationen und bei drohendem Kontrollverlust eine Auszeit zuzugestehen. Hierbei ist es wichtig, dass du einen Zeitpunkt benennst, wann du zur anstehenden Klärung bereit sein wirst, denn wenn du einfach wegläufst, macht das andere noch wütender.

Und schließlich solltest du dir vielleicht einfach immer wieder bewusst machen, dass eine Minute Ärger oder Im-Chaos-Versinken einen Verlust von 60 kostbaren Momenten deines Lebens bedeutet.

Trotz all der vielen guten Tipps wird es manchmal Situationen im Leben eines AD(H)S-lers geben, in denen die dargestellten Techniken nicht mehr ausreichen, um Unheil abzuwenden. Dies gilt besonders für schwere Komplikationen, wie Depressionen und Suchtentwicklung oder dissoziales Verhalten (s. Kap. 2.3.5). Unter solchen Umständen solltest du nicht zögern, einen Experten zu Rate zu ziehen, entweder einen dafür ausgebildeten Psychologen oder einen spezialisierten Arzt. Manchmal braucht man einfach Hilfe von außen und es ist keine Schande, sich das einzugestehen. Mit den folgenden zwei Abschnitten wollen wir dich über die wesentlichen Aspekte der möglichen Behandlungsmethoden informieren.
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