VERHALTENSTHERAPIE – IST DAS EIGENTLICH DAS RICHTIGE FÜR MICH?

background189Wenn du festgestellt hast, dass du dich genauer als bisher mit dir, deinen Stärken und deinen Schwächen auseinandersetzen möchtest, kannst du zwischen einem COACHING und einer VERHALTENSTHERAPIE (VT) wählen. Beide Verfahren sind beim AD(H)S gewinnbringend einsetzbar, unterscheiden sich aber in wichtigen Punkten, die unten erläutert werden. Ein weiteres Therapieverfahren, die tiefenpsychologisch fundierte oder analytische Therapie, ist nicht ausreichend wissenschaftlich untersucht, um ihren Nutzen für die gängige AD(H)S-Behandlung belegen zu können. Sie kann dann sinnvoll sein, wenn es um frühkindlich erworbene, tiefer liegende Probleme geht, die sich bis heute auf dein Leben auswirken. Sie bietet aber wenig direkte Hilfsstrategien, wie sie bei einem AD(H)S dringend notwendig sind.

Die VERHALTENSTHERAPIE (VT) gehört zu den Psychotherapien und ist damit eine Leistung deiner Krankenkasse, die auf Antrag geprüft und dann bewilligt oder abgelehnt wird. Sie folgt festgelegten Regeln und basiert auf seit Jahrzehnten erprobten und verfeinerten Methoden. Psychotherapie hat (nach Klaus Grawe) drei wesentliche Funktionen: Bewusstseinsbildung, Erhöhung der Lebensqualität und Heilung. An den Therapeuten, der nach seinem bereits abgeschlossenen Studium eine mindestens dreijährige Ausbildung hinter sich bringen muss, werden hohe Anforderungen gestellt.

Ein COACHING musst du dagegen grundsätzlich selbst zahlen, dafür kannst du jederzeit beginnen oder aussetzen. Die Ausbildungsgänge sind nicht staatlich genormt oder kontrolliert, doch gelten die beiden ersten Funktionen nach Grawe auch hier. Das Heilen hingegen steht beim Coaching nicht im Vordergrund, sondern das Aufzeigen von Zusammenhängen und Lösungswegen.

Ob Coaching oder VT, für beide Verfahren gilt: Dir sollte „die Nase passen“, die dir gegenüber sitzt. Du musst dir vorstellen können, dieser Person Details aus deinem Leben anzuvertrauen und sie zu besprechen, darüber hinaus auch Rat oder Anleitung von diesem Menschen annehmen zu können. Falls du schon am Anfang Zweifel hast, so sprich es offen an und überlege dann, ob eine Fortsetzung sinnvoll ist. Nur dann kann die Verhaltenstherapie ihre volle Wirkung entfalten, die aktive Hilfe zur Problembewältigung sein soll.

Doch nun sollst du mehr zu den Grundlagen, den Besonderheiten und den Möglichkeiten der verhaltenstherapeutischen Behandlung erfahren:

Die kognitive Verhaltenstherapie ist ein Therapieverfahren, bei dem man davon ausgeht, dass Gefühle nicht direkt, sondern nur auf Umwegen beeinflussbar sind. Stell dir z. B. vor, du ärgerst dich (mal wieder) über deinen Freund: Das geht meistens ruck, zuck und quasi automatisch. Doch dahinter stecken viele einzelne Schritte, die dein Gehirn und dein Hormonsystem gemeinsam gehen – und zwar so schnell, dass es dir gar nicht erst bewusst wird. Eine Aufgabe der VT ist es daher, mit dir gemeinsam auf die Suche nach den steuernden Gedanken zu gehen, Bewertungen zu überprüfen und die damit zusammenhängenden Gefühle genau kennen zu lernen, sie bewusst werden zu lassen. Deine Stärken (Ressourcen) spielen eine entscheidende Rolle in der VT und bilden die Grundlage für mögliche Veränderungen. Hierbei werden auch frühere Erfahrungen mit ähnlichen Situationen betrachtet, da sie wesentlich zu deinem heutigen Umgang mit Problemen beitragen. Wie du im Leben zurechtkommst, hängt daneben aber auch mit deinem Handeln zusammen. Wenn du dich also über deinen Freund ärgerst, kannst du ganz verschieden reagieren: Je nachdem, ob du impulsiv bist und z. B. – typisch AD(H)S – losbrüllst, oder ob du dem Freund eher sagst, dass du ärgerlich bist, wird die Situation unterschiedlich weitergehen.

Das ist am Anfang sicher recht ungewohnt für dich, deshalb wird dir der Therapeut Hilfestellungen geben. Das reicht von Checklisten, Beobachtungsbögen oder Tagesablaufplänen über Rollenspiele, Videoaufnahmen bis hin zu Hausaufgaben wie Selbstbeobachtungen, Stimmungsbeurteilungen in bestimmten Situationen oder Übungsprotokollen bei neu ausprobierten Verhaltensweisen. Aber damit du noch besser weißt, was bei dir abgeht, wird zu Beginn viel Wert darauf gelegt, dein generelles Verständnis vom AD(H)S zu verbessern. Dir werden Erklärungsmodelle vorgestellt, vielleicht geht ihr auch auf Besonderheiten des AD(H)S-Gehirns ein, denn die Botenstoffsysteme funktionieren bei dir ja etwas anders als beim Rest der Menschheit. Frederick Kanfer, ein Vorreiter auf dem Gebiet der VT, ging davon aus, dass der Mensch von drei Einflussgrößen gesteuert wird: den ererbten, genetischen Einflüssen; den Umweltfaktoren, wie Familie, Schule, Freundeskreis; der Impulskontrolle/Selbststeuerung.

Es gibt einige Prinzipien und Begriffe, denen du im Laufe der Therapie begegnen wirst. Sie können sehr unterschiedliche Gesichter haben, daher lohnt es sich, beim Therapeuten nachzufragen, wenn du etwas nicht genau verstehst. Eines dieser Prinzipien heißt nämlich Transparenz, d. h. du als Patient bist immer über das informiert, was ihr tut, und stimmst dem zu (man spricht hier von einem informed consent, der ‚informierten Einwilligung’). Du darfst und sollst sogar Schritte ablehnen oder verschieben, falls du dich (noch) nicht in der Lage siehst, eine bestimmte Übung durchzuführen oder über ein Thema zu sprechen. Weitere Kernprinzipien der VT sind Problem-,Ziel und Handlungsorientierung, sowie das Verständnis der Therapie als Hilfe zur Selbsthilfe. Der Therapeut wird in der Regel zwar wissen, was in einer bestimmten Situation günstiger oder ungünstiger wäre. Im Alltag kannst du das Erlernte aber nur dann umsetzen, wenn du es auf verschiedene Bereiche anwenden, also generalisieren kannst. Man macht sich hier die drei Arten zu nutze, durch die wir Menschen lernen: Schon sehr früh lernen wir am Modell unserer Eltern, später orientieren wir uns auch an Lehrern, Freunden oder anderen Vorbildern. Ferner lernst du aus Erfolg und Misserfolg (try and error), wie es z. B. auch bestimmte Affenarten tun: Ist ein Verhalten erfolgreich, wird es sich lohnen, es zu wiederholen – und damit auch den Erfolg. Und schließlich verknüpft unser Gehirn bestimmte Reize mit Gefühlen – so kann z. B. ein Essen mit der Geliebten an ein spezielles Lied gebunden werden. Wenn man dann Jahre später dieses Lied hört, stellt sich „plötzlich und unerklärlich“ ein ganz angenehmes Bauchgefühl ein. So läuft es auch mit Gerüchen, z. B. mit dem Geruch eines Waldes aus der frühen Kindheit, mit dem man angenehme oder eben unangenehme Erfahrungen verbindet.

Ein besonders für das AD(H)S wichtiger Teil der VT ist das Selbstmanagement (Hilfe zur Selbsthilfe). Der zentrale Punkt ist hierbei deine Selbstvepflichtung, eine Verhaltensänderung wirklich umsetzen zu wollen. In einer Verhaltensanalyse wird zunächst genau untersucht, wie das Verhalten aussieht, das dich stört, dann werden konkrete, oft schriftlich festgehaltene Absprachen zur Verhaltensänderung getroffen. Nun werden Problemlösungsprozesse angewandt: Ihr könnt mögliche Lösungen sammeln und die Vorschläge gemeinsam bewerten. Der Therapeut kann da z. B. Fragen stellen, was du ändern willst, besser machen oder lernen möchtest. Die Umsetzung dieser Änderung im Alltag wird in der nächsten Sitzung besprochen und es wird bewertet, inwiefern du Fortschritte gemacht hast. Wie oben schon einmal erwähnt, ist die Übertragung auf unterschiedliche Situationen – das Generalisieren – die Grundlage für eine dauerhaftere Änderung von Verhaltensweisen.

Manchmal ist hierzu ein Ausflug auf das Gebiet der sozialen Kompetenz notwendig. In diesen Bereich gehören Fähigkeiten wie Verantwortungsbewusstsein, Belastbarkeit, Selbstvertrauen, Konfliktfähigkeit, Mitgefühl, Selbstwertgefühl usw. Du solltest nämlich zwischen ähnlich aussehenden Strategien unterscheiden können, die möglicherweise gegensätzliche Reaktionen in deinem Umfeld auslösen können. So beinhalten die folgenden Paare auch eine Bewertung, die von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausfallen kann: Selbstsicherheit – Aggression; Freundlichkeit/Höflichkeit – Selbstunsicherheit; Nachsicht – Schwäche; Selbstbehauptung – Rechthaberei. In diesem Zusammenhang wird dir eventuell eine Methode begegnen, die man Gedanken-Umstrukturierung nennt. Diese Technik ist die Grundlage für das Umlernen von Falschgelerntem, da du auf diesem Weg leichter alte Erfahrungen einordnen und eingespurte Denkmuster aushebeln kannst.

Nicht zuletzt ist die VT dann besonders geeignet, wenn du neben den Symptomen des AD(H)S begleitende background193Gefühlsstörungen (Ängste, traurige Phasen) kennst. Sie wird dir ermöglichen, die Gründe für diese Gefühle zu erkennen. Die Auslöser und die sogenannten aufrechterhaltenden Bedingungen (also die Gründe, warum sich diese Gefühle nicht ändern lassen) abzustellen, kannst du lernen. Die oben aufgeführten Techniken helfen dir dabei.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Verhaltenstherapie dann die richtige Behandlungsform für dich ist, wenn du Verhaltensweisen wirklich verändern willst, aber den Weg dahin nicht kennst. Du wirst dich, deine Stärken und deine versteckten Fähigkeiten gut kennenlernen und überrascht sein, was alles in dir steckt. Für die Behandlung des AD(H)S ist die VT sicher das Mittel der Wahl, wenn du motiviert, neugierig und lernwillig bist.

 

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