BEHANDLUNG MIT MEDIKAMENTEN

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Als Jugendlicher oder junger Erwachsener hast du gewiss andere Dinge im Kopf, als dich zu fragen, warum der Arzt oder deine Eltern so viel Wert darauf legen, dass du Medikamente nimmst. Viel wichtiger scheint dir sicher gerade, wie du bei deinen Freunden ankommst, was cool oder angesagt ist, wie es dir gelingt, die Vorgaben deiner Eltern zu umgehen oder auszuweiten – kurz, wie du dich ausprobieren kannst und zu einer eigenen erwachsenen Persönlichkeit entwickeln wirst. Oft berichten Jugendliche über ganz ähnliche Probleme wie ihre Eltern, die Bewertung sieht allerdings ganz anders aus. Sei es, dass du dich im Verein ausgegrenzt fühlst, du nur noch eine letzte Chance zum Verbleib auf der Schule bekommst, du einfach in der Klasse keinen Fuß auf den Boden kriegst oder das Ausprobieren von Alkohol oder Drogen außer Kontrolle zu geraten droht. Um dich richtig beraten zu können, ist deine Sichtweise genauso von Bedeutung, wie die deiner Eltern.

Damit du weißt, worum es bei der Entscheidung für oder gegen eine Medikation geht, lohnt es sich, die nächsten Seiten noch zu lesen – lass dich überraschen…

 

WARUM ÜBERHAUPT MEDIKAMENTE NEHMEN?

Früher gingen Ärzte und Psychologen davon aus, dass mit der Pubertät die meisten AD(H)S-Probleme verschwinden. Wir wissen jetzt, dass das leider nicht ganz richtig ist, denn nur bei einem Drittel der Betroffenen ist das so. Bei der Mehrzahl der Kinder mit AD(H)S bleiben wesentliche Schwierigkeiten bis ins Erwachsenenalter bestehen, können sich aber in ihrem Erscheinungsbild oder ihrer Bedeutung für den Alltag verändern. Je nach den Erfahrungen mit deinem Umfeld (Elternhaus, Freunde/Freizeit, Schule, Leistungssituationen) können verschiedene Begleitprobleme wie Leistungs- und Prüfungsangst, Misserfolgserwartung, geringes Selbstwertgefühl, Beziehungsangst bis hin zur handfesten depressiven Entwicklung hinzukommen. Wenn’s gut läuft, wirst du aber auch die vielen positiven Seiten des AD(H)S kennen, wie Kreativität, extremes Durchhaltevermögen, Offenheit, Originalität und Spontaneität.

Studien konnten zeigen, dass es verschiedene sehr effektive Wirkstoffe zur Besserung fast aller Symptome des AD(H)S gibt. Diese gehören zwei Gruppen an: Zum einen gibt es Präparate mit dem lange bekannten und bewährten Wirkstoff Methylphenidat (z. B. Equasym® u.a.), zum anderen solche mit dem seit knapp fünf Jahren auf dem Markt befindlichen Atomoxetin (Strattera®). Wenn du einen Leidensdruck entwickelt hast, der sich aus den typischen Symptomen des AD(H)S und seiner Begleitstörungen in der Regel ergibt, und die vielen guten Verhaltenstipps, die du schon gelesen hast, nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben, so kannst du von diesen Medikamenten eine rasche und gut steuerbare Hilfe erwarten. Dein Arzt kann dich gut beraten, wenn du ihm deine spezielle Lebenssituation offen schilderst.

Methylphenidat und Atomoxetin setzen an unterschiedlichen Punkten im Gehirn an und wirken auf zwei verschiedene Botenstoffsysteme. Man findet Unterschiede der Wirksamkeit in Bezug auf Konzentration, Unruhe, Impulsivität, Selbststeuerung und Stimmung. Beide Medikamententypen sind sehr gut verträglich, nur anfangs finden sich manchmal unangenehme, aber harmlose Beschwerden (Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Übelkeit). Nebenwirkungen anderer Art (Tics, Laborwertveränderungen, Appetitstörungen) sind selten, stellen also gerade in deinem Alter keinen Grund dar, Medikamente nicht einzusetzen.

Das am besten erprobte Methylphenidat gibt es in kurz (4 – 6 Stunden), mittellang (6 – 8 Stunden) und lang (10 – 12 Stunden) wirksamen Verabreichungsformen, als Tabletten oder Kapseln. Die Tabletten müssen mehrmals am Tag eingenommen werden, da sie in der Regel eine nur kurze Wirkungsdauer haben. Die Kapselformen haben bei einer einmaligen Gabe eine (sog. retardierte) Wirksamkeit bis in den Nachmittag hinein – decken also Schul- und Hausaufgabenzeit sehr gut ab. Diese Flexibilität ermöglicht einen sehr gezielten Einsatz, der von deiner Lebenssituation abhängt (Schule, Berufsschule, Beruf, Partnerschaft usw.). Pausen sind in der Regel jederzeit möglich. Gerade für Jugendliche und junge Erwachsene sind häufig die Zeitspannen am Tag besonders schwierig zu bewältigen, in denen es um Lern- bzw. Leistungssituationen geht. Für junge Männer mit Impulskontrollproblemen kann die medikamentöse Unterstützung aber auch bedeuten, dass sie – unterstützt durch das Medikament – bei Provokationen nicht gleich explodieren und tätlich werden, sondern sich besser kontrollieren können. (Kommt bei den Mädels deutlich besser an und erspart manche Sozialstunde…)

Atomoxetin hat einen anderen Wirkansatz als das Methylphenidat. Die Wirkung baut sich langsamer auf und ist erst nach einigen Wochen zu beurteilen. Es sollte wegen des notwendigen konstanten Blutspiegels sehr regelmäßig eingenommen werden. Pausen sind also nicht möglich. Der Vorteil kann in einer ausgeglichenen Wirkung über den ganzen Tag, auch in den Abendstunden liegen.

Beide Medikamententypen beeinflussen die Symptome des AD(H)S, indem sie die Funktion der Botenstoffe und damit die Informationsübertragung im Gehirn verbessern. So können die Reize aus der Umwelt in die richtigen Bahnen gelenkt, besser abgespeichert und auch wieder abgerufen werden. Methylphenidat erhöht vor allem die Konzentration von Dopamin,

Atomoxetin die von Noradrenalin an der Kontaktstelle zwischen den Nervenzellen, dem synaptischen Spalt. Die Impulsübertragung wird dadurch erheblich erleichtert. Sollte das AD(H)S bei dir nicht schon im Kindesalter diagnostiziert worden sein, kann dir dein Arzt Atomoxetin und/oder Methylphenidat über den sogenannten Off-Label-Use (d. h. außerhalb des ursprünglichen Zulassungsrahmens) auch erstmals im Erwachsenenalter verordnen,wenn berechtigte Aussicht auf Behandlungserfolg eines festgestellten AD(H)S besteht. In diesem Fall werden die Kosten für das Medikament von der gesetzlichen Krankenkasse nur auf besonderen Antrag, den dein behandelnder Arzt stellt, übernommen. Die gleichzeitige Gabe beider Medikamententypen ist manchmal sinnvoll, wenn du keine ausreichende Besserung der Symptome durch ein einzelnes Präparat erreichen kannst.

 

AUF WAS SOLLTEST DU BEI DER BERATUNG DURCH DEN ARZT ACHTEN?

Wie oben beschrieben ist es sehr wichtig, möglichst genau von dir zu erfahren, was dich an deiner momentanen Lebenssituation stört. Dabei solltest du dem Arzt über Schule und Beruf, Freizeit und Freundschaften, Spannungen zwischen dir und deiner Familie sowie über eventuell bestehende Probleme in deiner Partnerschaft berichten. Der Arzt wird sicher auch deine Eltern befragen, sich ein Bild von der Einschätzung deiner Lehrer oder Ausbilder machen und dann zusammenfassend beurteilen, ob eine medikamentöse Behandlung sinnvoll oder ggf. sogar dringend notwendig erscheint.

Für die Auswahl des passenden Medikaments gibt es verschiedene Entscheidungshilfen: Stehen Ablenkbarkeit oder Impulsivität und Unruhe im Vordergrund; ist das Hauptproblem während der Schul- oder Arbeitszeit zu finden oder betrifft es Beziehungsschwierigkeiten über den ganzen Tag; bist du bereit, jeden Tag Medikamente einzunehmen; hast du Tics oder andere Begleitstörungen wie depressive oder Angst-Symptome? Mach dir Notizen zu diesen einzelnen Hinweisen, um sie genau mit dem Arzt durchzusprechen. Effekte der Medikamente lassen sich innerhalb weniger Wochen beurteilen, sodass du sehr rasch positive Veränderungen erwarten und mit deinem Arzt besprechen kannst.

Du solltest deinen Arzt unbedingt ehrlich darüber informieren, welche Medikamente (oder eventuell auch Drogen) du zu dir nimmst bzw. in den Wochen vor Behandlungsbeginn eingenommen hast. Das ist wichtig für die Beurteilung möglicher Wechselwirkungen und kann die Auswahl des richtigen Medikaments selbst beeinflussen. Es hilft auch, wenn du lange bestehende Erkrankungen (z. B. Asthma, Bluthochdruck, Epilepsie, Milchzuckerunverträglichkeit, Allergien) von dir aus erwähnst, da dein Arzt genauer nachfragen kann und dann ggf. eine Dosisanpassung vornimmt.

Das Geheimnis einer erfolgreichen medikamentösen Behandlung steckt in der Automatisierung. Als du noch klein warst, hast du zum Beispiel sicher irgendwann das Radfahren erlernt. „Aller Anfang ist schwer“, haben da deine Eltern oft gesagt, und du bist wahrscheinlich gestrauchelt, gestürzt oder hast Dinge gerammt, weil du auf die Pedale statt auf den Weg geschaut hast. Irgendwann haben deine Füße wie von allein getreten und dir blieb Zeit, auf Hindernisse zu achten.

Dein Körper konnte plötzlich das Gleichgewicht halten. Dein Unbewusstes übernahm die Verantwortung und dein Verstand musste sich nur bei Unvorhergesehenem einschalten. Die beschriebenen Medikamente können dazu beitragen, dass du immer ähnliche Reaktionen zeigst und sich damit

„Denkspuren“ verfestigen: Ein Feldweg wird dadurch quasi zur Autobahn ausgebaut; auch die braucht Pflege und sollte viel befahren werden, verschwinden tut sie aber nicht mehr. Die Hirn-Netzwerke stabilisieren sich und übernehmen dann die alltäglichen Aufgaben. Dadurch bleibt eine größere Aufmerksamkeitsspanne für Neues, das man sich dadurch nun besser merken kann. Damit dies passiert, ist eine regelmäßige Medikamenteneinnahme notwendig.

 

UND SCHLIESSLICH…

Eine Jugendliche formulierte einmal so, worum es ihr geht: „Erwachsen bin ich dann, wenn ich etwas tue, obwohl es meine Eltern empfohlen haben.“ Ärzte sprechen auf „Fach-Chinesisch“ von informed consent und compliance – will heißen:

Du solltest dich über das AD(H)S informieren (Internet, Bücher, Beratung, Freunde), Probleme ehrlich ansprechen und den Leidensdruck bewerten.

Erst dann kann dein Arzt mit dir (und ggf. mit deinen Eltern) die richtige Entscheidung über eine angemessene Medikation treffen. Zu der solltest du bis auf weiteres dann auch stehen und dich an die Vorgaben halten, um die Effekte des Medikaments voll auszuschöpfen. Wir wissen, dass dies nicht so einfach ist. Jugendliche fürchten häufig, von Gleichaltrigen ausgelacht zu werden, wenn diese mitkriegen, dass man Medikamente einnimmt.

background199Wir verstehen das Bedürfnis nach Stärke, Gesundheit und Unabhängigkeit – Medikamente könnten da als Zeichen der Schwäche und Krankheit gesehen werden. Doch damit sind wir jetzt wieder am Anfang des Buches angelangt: Der Kreis schließt sich. Du wirst auch hier wieder eine Entscheidung mit weitreichenden Konsequenzen treffen müssen, so oder so, du weißt schon: Die blaue oder die rote Pille!

 

Wissen hiflt. Literatur und...

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